Techno, Störche, Stühle – die erste Woche ist rum

Die Aurach, nicht die Spree: Ein Fluss ist ein Fluss.

Es lief besser als gedacht. Eine Woche sind die Kinder jetzt zu Hause. Hausaufgaben und gemeinsame Pausen mit den Nachbarskindern funktionieren. Das Leben beschränkt sich aber mehr und mehr auf die eigenen vier Wände. Zum Glück gibt es das Internet.

Es ist Samstag. Über Nacht ist sehr viel kälter geworden und nass. Bei „Logo“, der Kindernachrichtensendung auf KIKA, sagten sie gestern Abend, dass es in Bayern in Höhenlagern jenseits von 500 Metern schneien könnte. „Logo“ ist übrigens die einzige Nachrichtensendung im Fernsehen, die ich regelmäßig sehe, gemeinsam mit den Kindern natürlich.

Ich bin draußen, trage Pullover, eine Regenjacke und eine Mütze. Ich höre für mich ziemlich ungewöhnliche Musik. Es ist eine Playlist aus dem Berghain, der berühmtesten Diskothek der Welt. Obwohl wir sechs Jahre in Berlin gelebt haben, war ich nie im Berghain. Wahrscheinlich wäre ich gar nicht reingekommen. Ich bin kein großer Fan elektronischer Musik. Aber vor ein paar Tagen hat Arte auf Facebook ein DJ-Set aus dem Tresor gestreamt, der ehemaligen berühmtesten Diskothek der Welt. Manchmal ist das ja so, wenn die richtige Musik Dich zum richtigen Moment trifft, passiert was Besonderes. In dem Fall habe ich mir Kopfhörer aufgesetzt, habe tanzend das Haus aufgeräumt und Abendessen gemacht, während meine Frau arbeitete und meine Kinder KIKA sahen. Das Set fand ich extrem cool, der DJ stand hinter seinen Plattentellern und hat aufgedreht. In der Disko war außer ihm – und ein paar Technikern vielleicht – kein Mensch. Strange, aber immerhin.

Ich finde es gut, wenn solche Konzerte oder Sets gestreamt werden. Das bringt die Leute zusammen, irgendwie. Und wenn auch nur im Internet. Aber so ist das Ganze sinnvoll. Ich habe den Stream geteilt und eine Handvoll meiner Facebook-Freunde haben sich das Konzert dann auch angesehen. Diejenigen, die immer schon auf Techno standen.

Kanadagänse und Enten hoffen auf Futter. Von mir gibt´s heute nichts.

Die Innenstadt ist leer. Fast.

Ich bin auf dem Weg zum Bäcker und höre dabei eben diese Berghain-Playlist. Wahrscheinlich hat das für mich irgendetwas Apokalyptisches. Oder es ist einfach nur cool, hier durch die Gassen der Kleinstadt zu stapfen, durch den Nieselregen und dabei diese harte Technomusik aus Berlin höre. Man ist nicht immer Regisseur in dem Film, in dem man gerade steckt. Zur Bank muss ich auch noch. Die Stadt ist, wie zu erwarten war, ziemlich leer. Vor der Bank steht allerdings ein Verkaufswagen. Es gibt Eier, Marmelade und Leberwurst. Ich grüße den einsamen Mann hinterm Tresen und gehe weiter. Noch ein Stand, Gemüse und Obst. Eine Frau mit Brille und kurzem, grauen Haar unterhält sich mit der Gemüsefrau und ordert nebenbei kleine, rote Rüben. „Die liebe ich so… Ich hätte übrigens gar nicht mit Euch gerechnet heute.“ Die beiden kennen sich. „Tja, wir wissen auch nicht, wie es weitergeht“, antwortet die Verkäuferin. Sie einigen sich darauf, es zu nehmen, wie es kommt.

In der Fußgängerzone ist mehr los als gedacht.

Beim Verkäuferkollegen bestelle ich Clementinen, Äpfel, Paprika und Gurken. Die Sachen sehen gut aus. Irgendwie bin ich trotzdem skeptisch. Der Typ macht keinen gesunden Eindruck. Kann ich hier denn einkaufen, trotz Corona? Anderseits muss ich dann nicht mehr in den Supermarkt. Da ist das Ansteckungsrisiko sicher höher als hier unter freiem Himmel. Dieser Gedanke beruhigt mich, ich zahle und gehe weiter.

Linker Hand komme ich bei einem Bäcker vorbei. Normalerweise kaufe ich bei einem anderen ein, der ist in der Straße unten am Busbahnhof. Aber dieser hier ist menschenleer. Ich gehe rein. Vor der Theke stehen Stühle. Normalerweise stehen sie am Fenster und dann sitzen Leute drauf, die Kaffee trinken. Aber das ist in Corona-Zeiten seit gestern verboten. Die Stühle dienen jetzt als Abstandhalter zu den Verkäuferinnen. Ich gebe meine Bestellung ab. Das Geld lege ich in eine dieser Münzschalen, wie sie in solchen Läden üblich sind. Die Schale steht in einem schwarzen, länglichen Blech. Die Verkäuferin greift dieses Blech, zieht es zu sich und nimmt das Geld heraus. Das Wechselgeld, allesamt Münzen, legt sie in die Schale und reicht mir in diesem schwarzen Blech an. Sicher ist sicher. Ich sage danke und wünsche ein schönes Wochenende.

Schöner als Flatterband: Caféstühle als Barrieren. Sicherheitsabstand ist beim Bäcker erste Sahne.

Auf dem Rückweg schaue ich bei unserem Stammbäcker rein. Durch die Fensterscheibe sehe ich, dass der Cafébereich durch rot-weißes Flatterband abgesperrt ist. An der Kasse stehen etwa fünf, sechs Kunden. Ich bin froh, mich für den anderen Bäcker entschieden zu haben.

Auf dem Nachhauseweg beobachte ich Störche. Unsere Stadt scheint ein Paradies für die Vögel zu sein. In einem Umkreis von wenigen hundert Metern brüten vier Paare, mitten den Dächern. Manchmal fliegen sie zu zweit nur ein paar Meter über unser Haus. Ein Paar hat sein Nest auf einem stillgelegten Schlot gebaut. Ein anderes sitzt oben auf dem abgeflachten Turm der evangelischen Kirche und ein einsamer Geselle hat es sich vorne auf der Spitze eines Krans bequem gemacht. Die Tiere sehen völlig entspannt aus. Corona scheint sie nicht zu jucken, wahrscheinlich denken sie an den nächsten Frosch. Ohne, dass sie mich eines Blickes würdigen, mache ich mich auf den Weg nach Hause.

Bei uns ist die Welt noch in Ordnung. Noch.

Wir wohnen in einer kleinen Sackgasse. Die Bewohner zweier Doppelhäuser sind die einzigen Anlieger. Auf dem Boden am Zaun liegt ein Ball. Gestern haben hier die Kinder gespielt, heute ist es ruhig. Kein Wunder bei dem Wetter.

Die erste Woche mit den Kindern zu Hause ist rum. Wir haben es eigentlich ganz gut hinbekommen. Die Klassenlehrerin meines Sohnes, Frau H., hat ihre Schüler mit jeder Menge Aufgaben versorgt. Neben reichlich Mathestoff gibt es eine Reihe Übungen im Deutschbuch. Außerdem sollen die Kinder jeden Tag zehn Minuten lesen und Kopfrechnen üben. Das sollte für die nächsten zwei Wochen reichen. Auch unsere Tochter, die wie gesagt in die Kita geht, hat gut mitgemacht. Wenn ich mit ihrem Bruder Hausaufaufgaben gemacht habe, hat sie mit Puppen gespielt oder gemalt.

So lange sie auf uns hinabblicken können, ist für Störche alles in Ordnung.

Womit wir wirklich Glück haben, sind unsere Nachbarn. Die andere Hälfte unseres Doppelhauses bewohnt eine Familie aus England mit drei Kindern. Beide arbeiten im selben Unternehmen wie meine Frau. Unsere Nachbarn zur anderen Sei          te kommen aus den Niederlanden. Auch sie haben drei Kinder, ihre Mutter ist ebenfalls eine Kollegin meiner Frau. In den acht Monaten seit unserer Ankunft in Franken hatten wir schon tolle gemeinsame Erlebnisse -inklusive einiger sehr feucht-fröhlicher Abende. Aber das ist nicht alles. Wir helfen uns gegenseitig, leihen uns gegenseitig Rasenmäher und Schneeschippen, halten bei fast jeder Gelegenheit einen kleinen Plausch über Politik, die Kinder und über Fußball. Beide Familien sind offen und unkompliziert.

Das hat sich in dieser Woche wieder gezeigt. Damit die einen nicht Matheaufgaben lösen müssen, während draußen andere nicht durch die Gärten toben, haben wir gemeinsame Pausen vereinbart, in denen die Kinder gemeinsam draußen spielen können. Die ganze Woche ging das so. Zum Glück haben wir alle Gärten und den großen Hof. Trotz Corona sind Fußball, Trampolin, Inlinern, Fahrrad- und Rollerfahren kein Problem sowie überhaupt die Möglichkeit, draußen im Freien zu spielen. Ich bin heilfroh, nicht mehr in Berlin zu leben. Mehrfamilienhaus, Innenhof und ein Balkon – Lagerkoller wäre eine Frage von Stunden gewesen. Was natürlich nicht heißt, dass er nicht noch kommt…

Mutti at her best: Politiker in der Corona-Krise

Ich merke immer mehr: Seitdem ich Vater bin, werde ich konservativer. Gestern habe ich die Pressekonferenz gesehen, auf der bayerischen Landesregierung weitere Maßnahmen gegen die Corona-Ausbreitung gekannt gegeben hat. Da sprach erst der Ministerpräsident, dann die zuständigen MinisterInnen für Wirtschaft, Inneres und Gesundheit. Es war eine nüchterne Veranstaltung ohne Tamtam. Die vier Politiker waren klar, unaufgeregt und souverän. Keine Panikmache, dafür eindringliche Appelle an Vernunft und gesunden Menschenverstand. Die Nachfragen der Journalisten wurden routiniert beantwortet. Dann war Schluss. Jetzt sollten wir zu Hause bleiben und nur noch auf die Straße, wenn es sein muss. Das klingt sinnvoll. Die Keime bleiben unter sich.

Ich bin mir nicht sicher, ob die zuständigen Ressortleiter in Berlin so einen gleichermaßen schlichten wie beruhigenden Auftritt hingelegt hätten. Wo wir bei Auftritten sind: Auch die Bundeskanzlerin hat sich erstmals außerhalb der Neujahrsansprachen an die Nation gewandt. Auch ihren Auftritt fand ich klasse, souverän und beruhigend. Mutti at her best. Angela Merkel ist ja von Haus aus Naturwissenschaftlerin. Gerade ihre Erklärungen zu den Auswirkungen des Virus und ihre mahnenden Appelle, wir mögen bitte zu Hause bleiben, weil unbedachtes Handeln fatale Folgen für die Ausbreitung des Krankheitserregers haben könnte, fand ich gleichermaßen überzeugend und emotional. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie etwa Friedrich Merz so zur Nation gesprochen hätte.

Zurück zu den Nachbarn: Wir haben uns trotz der strengeren Maßnahmen erst einmal darauf verständigt, die Kinder auch in der kommenden Woche zusammenspielen zu lassen. Sie hatten vergangene Woche ausschließlich Kontakt untereinander und zu uns. Alle Eltern arbeiten in der nächsten Zeit im Homeoffice. Ob es bei dieser Abmachung bleibt, werden wir sehen.

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

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