Zweimal Post und Blagen forever

Corona regiert das Leben. Die Politik hat die Maßnahmen verschärft. Wir sind an unser zu Hause gefesselt. Aber: Neue Woche, neues Glück. Der Beginn war schon mal vielversprechend.

Mein Lieblingsmotiv: Die Fußgängerbrücke über die Aurach

Am Sonntag waren meine Frau und ich joggen. Schön getrennt, erst sie, dann ich. Man will ja auf Nummer sicher gehen, nicht dass sich noch jemand beschwert. Und einer muss ja auf die Blagen aufpassen. Blagen, das ist eine umgangssprachliche, etwas abfällige Bezeichnung für Kinder. Sie stammt, glaube ich, aus dem Westfälischen. Jedenfalls haben meine Eltern und Großeltern, die aus dem südlichsten Zipfel des Osnabrücker Landes kommen, das Wort regelmäßig benutzt, häufig auch als Schimpfwort. „Blöde Blagen“ höre ich meine Oma aus dem aufgerissenen Küchenfenster ein paar Kindern hinterherrufen. Was sie ihnen vorwarf, weiß ich nicht mehr. Nur noch, dass ich es unangenehm fand. Ich war damals selber Kind. Arme Blagen.

Am Wochenende habe ich mit meiner Tante telefoniert. Sie lebt seit etwa 45 Jahren in Berlin, sagt aber immer noch „Blagen“, wenn sie über ihre erwachsenen Kinder spricht, die inzwischen selber Blagen haben. Sie hat eine Schwäche für derlei Ausdrücke. Die erinnern sie an ihre Kindheit in der niedersächsischen Provinz. An Bauernhöfe, Gärten voller Obstbäume, an ein Leben ohne besondere Höhepunkte, dem sie schließlich überdrüssig wurde. Sie ging in die große Stadt. In einer Zeit, in der das für alleinstehende junge Frauen nicht so normal war wie heute.

„Never forget where you coming from“ heißt einer der größten Hits der Boygroup „Take That“. Meine Tante hat das nie vergessen. Je älter sie wird, desto versöhnlicher denkt sie an früher. Sie liebt es, Ausdrücke wie Blagen, Klotten (Klamotten) und unwies (verrückt, bescheuert) zu benutzen, besonders gern im Familienkreis. Ihre jüngere Schwester, von Natur aus zurückhaltender und fast genauso lang in Berlin wie sie, hat meine Tante einmal gescholten, als sie ihre Kinder Blagen nannte. Das sei nicht besonders nett und dazu unpassend. Das ist aber egal. Sie wird es weitersagen. Blagen forever!

Endlich wieder Joggen

Der Lauf am Sonntag hat Spaß gemacht und es tat gut. Es war eine Runde durch den Wald, mit ein paar kleinen Steigungen. Laut meiner Sport-APP etwa sechs Kilometer. Nichts Besonderes. Für mich war es aber der erste Lauf nach einem Infekt vor zwei Wochen. Der hatte mich ziemlich auf die Bretter geschickt. Fieber, Schüttelfrost, Triefnase, das ganze Programm. Wer sich jetzt fragt, Moment mal, war das vielleicht Corona, dem entgegen ich fröhlich: Keine Ahnung, kann sein.

Am Abend des zweiten Tages kletterte das Fieber über 39 Grad, das habe ich wirklich nicht oft. Also wählte ich die Nummer dieser Hotline vom Gesundheitsdienst: 116 117. Nach etwa achtzehneinhalb Minuten in der Warteschleife meldete sich eine Frau. Ich erklärte ihr meine Symptome und dass ich mich kürzlich weder in einem bedenklichen Gebiet aufgehalten habe, noch wissentlich Kontakt zu jemandem hatte, der sich mit COVID 19 infiziert hat. Diese Informationen reichten ihr. Dass ich am Wochenende zuvor zwei Abende mit einer ganzen Menge Leute auf ziemlich wenig Raum zusammen war (Geburtstagsparty, Whisky Tasting, Restaurant) interessierte sie genauso wenig, wie die Bedenken meine Kinder und meine Frau betreffend. Die Blagen besuchen Schule und Kita, meine Frau begegnet bei der Arbeit täglich vielen Leuten. Ich gab zu bedenken, das Virus könne sich unter diesen Umständen sehr schnell vermehren. Sie antwortete: „Für mich haben sie kein Corona, das sage ich ihnen jetzt am Telefon.“

Corona, na und? Stoisch bauen die Störche ihre Nester. Der Fachmann sagt übrigens Horst.

Kurzes Innehalten am anderen Ende der Leitung. Ganz geheuer waren der Dame ihre eigenen Worte offenbar doch nicht. Ob ich nicht zu meinem Hausarzt gehen könne, fragte sie. Ich habe noch keinen, antwortete ich. Wir wohnen erst seit einem halben Jahr hier und ich war noch nicht krank. Wieder eine kleine Pause, dann ein entschlossener Einatmer. Nein, dann sei ich Corona-frei, da sei sie sich (auf einmal wieder) ganz sicher. Falls sich allerdings herausstellen sollte, dass ich doch Kontakt zu einem nachweislich Infizierten hatte, sollte ich mich aber bitte umgehend melden. Das werde ich tun, sagte ich, nieste und legte auf.

Das ist jetzt zwei Wochen her. Außer meinen Kindern, die ebenfalls ziemlich verschnupft waren, ist in meinem Umfeld niemand krank geworden. Es war sicher kein Corona. Die Telefondiagnose passte. Ich lebe noch und gehe wieder joggen.

Im Wald waren recht viele Leute unterwegs. Aber im Vergleich zu einem „normalen“ Sonntag war es sehr ruhig. Alle achteten auf Abstand. Alle, außer einem etwas beleibteren Mann, der mit drei Frauen, offenbar seine Gattin und seine beiden Töchter, und einem großen, schwarzen Hund unterwegs war. Der Köter lief an einer etwa sechs Meter langen Leine, die sein Besitzer auch nicht enger zog, als ich mich dem Quintett bis auf fünf Meter genähert hatte, obwohl mich der Kerl schon längst bemerkt hatte. Die Karawane blockierte den Waldweg auf kompletter Btreite. In letzter Sekunde machte der Hundemann dann doch Platz. Ich lief eng an ihm vorbei und wollte noch etwas sagen. Aber dann dachte, nein, lass es. Genieße den Wald, die kalte, klare Luft und lass die Leute machen. Das war nach ein paar Metern, auf denen sich mein innerer Köter noch sträubte, den Gleichmut des Herrchens zu akzeptieren, ein richtig gutes Gefühl. Ich lief in gemächlichem Tempo durch den Wald und drehte am Ende noch eine Schleife am Festplatz vorbei. Dort findet im Sommer traditionell die „Kerwa“ statt. Das ist ein Volksfest, dass jedes fränkische Dorf mit einem eigenen Ortsschild, das etwas auf sich hält – und das tun die meisten – veranstaltet. Ob diese Feste in diesem Jahr stattfinden, weiß der Herrgott allein.

Diese Skulpturen stehen im Garten der kleinen Volkshochschule in Herzogenaurach.

Wenn der Postmann zweimal klingelt…

Heute begann der Tag etwas schleppend. Eigentlich startet der Unterricht mit meinem Sohn um 9 Uhr. Heute kam er nicht richtig aus dem Schuh. Nach dem Spielen mit Schleichtieren, anziehen, dem Frühstück und der Suche nach fehlenden Schulutensilien war es fast halb zehn. Es sind komische Zeiten, auch für Kinder. Ich ermahnte ihn aber, morgen angezogen und satt um 9 Uhr am Tisch zu sitzen.

Diesen Brief bekam mein Sohn von seiner Lehrerin.

Hurra, „Die Pest“ ist da

Er war gerade an seine Arbeit am PC vertieft, als es erneut klingelte. Noch einmal Post. Meine Frau ging zur Tür, ich war gerade im Keller beschäftigt. Als ich kurz darauf nach oben kam, lag ein Päckchen auf dem Tisch. „Das hat eine Frau von der Buchhandlung für Dich abgegeben. Was ist das?“ Ich öffnete das Paket, ehrlich gesagt ziemlich ungestüm und voller Vorfreude. Ein mitteldickes Taschenbuch mit überwiegend rotem Cover fiel mir in die Hände. Ich jubelte: „Hurra, ´Die Pest` ist da!“

Schwere Zeiten für den Einzelhandel: Die Buchhandlung meines Vertrauens musste schließen.

Ich weiß, zu Zeiten von Corona und der Heimisolation ist es nicht besonders originell, den Klassiker des französischen Schriftstellers Albert Camus zu lesen. Das wollen in der Tat sehr viele Menschen, die großen Zeitungen besprechen das Buch wieder in den Feuilletons. So war es kein Wunder zu hören, es sei vergriffen, als ich es zu Beginn der vergangenen Woche bei „Bücher, Medien und mehr“ in Herzogenaurach bestellen wollte. Eine freundliche Dame teilte mir am Telefon zudem mit, sie werde den Buchladen am nächsten Tag wegen der Maßnahmen schließen müssen. Aber sie beteuerte, sie und ihre Kolleginnen werden alles tun, um das Buch zu besorgen und es mir persönlich vorbeibringen. Darum war ich ehrlich gerührt, als ich es in den Händen hielt. Denn so schnell hatte ich nicht damit gerechnet.

Not macht erfinderisch. Das sollten wir fördern.

Ich hatte „Die Pest“ im Jahr 1999 zum ersten Mal gelesen. Ich weiß das noch ziemlich genau, weil ich es als Reiselektüre nach Sevilla mitgenommen hatte, wo ich zu einer Hochzeit eingeladen war. Das Buch hat mich umgehauen, es war gleichermaßen bedrückend, spannend und lustig. Ich glaube, das liegt am sachlichen Stil, in der die Geschichte erzählt wird. Sie klingt wie ein Bericht. Eine der Nebenfiguren ist ein Journalist, der in der algerischen Stadt Oran, in der die Pest ausgebrochen ist, nicht verlassen darf. Er ist allein, fern von zu Hause in Frankreich. Ich stellte mir vor, dieser Typ zu sein. Das war unheimlich, aber auch irre, weil ich von Sevilla verzaubert war. Wahrscheinlich hätte ich es in dieser wunderschönen Stadt in Andalusien auch unter Isolationsbedingungen ausgehalten, dachte ich mir. Eine absurde Situation, hätte Camus womöglich gesagt.

Ich habe das Buch also einmal besessen, es aber offenbar verschenkt, wie ich nach erfolgloser Suche feststellen musste. Das ist etwas, was ich häufig mache. Ich verschenke Bücher, die mir gefallen, sofort weiter. Natürlich vor allem Taschenbücher. Ich bin der Meinung, Bücher müssen wandern, müssen von vielen Menschen gelesen werden und sollten nicht in Ikea Regalen verstauben. Wenn ich ein Buch verschenke, kaufe ich es mir irgendwann wieder, meistens in einem Antiquariat. Jetzt habe ich es wieder, meine Lektüre für die nächsten Abende ist gesichert. Eins ist klar: Die Pest ist schlimmer als Corona. Irgendwann werden die Blagen wieder in die Kita gehen und in der Schule lernen.

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

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