Es ist beschämend, wie gut es uns geht

Der Lenz ist da, Corona hin oder her.

Wir haben jetzt so viel Zeit. Daran müssen wir uns wahrscheinlich erst mal gewöhnen.

Leute, die normalerweise früh ins Büro gehen, täglich an einer Maschine stehen oder bei der Arbeit Kontakt zu jeder Menge Menschen haben, sind ausgebremst. Regierungen haben entschieden, dass wir zu Hause bleiben müssen, um die rasche Ausbreitung des Corona-Virus zu verhindern. Viele wissen vielleicht wenig mit sich und der vielen Zeit anzufangen. Haben vielleicht Zukunftsängste, sorgen sich um ihre Jobs, fragen sich, wie sie Miete und Kredite bezahlen sollen. Wenn sie Kinder haben, müssen die nebenbei ja auch noch beschäftigt werden. Jeder sollte bedenken: So geht es gerade Millionen von Menschen in Deutschland, auf der ganzen Welt. Niemand ist allein.

Vielleicht ist es ein natürlicher Reflex des Menschen in einer Leistungsgesellschaft, auf das verordnete Vakuum mit Ratlosigkeit, Aktionismus oder sogar Panik zu reagieren. Wohin mit sich, wenn nichts zu tun ist? Ich werfe keine Steine, ich sitze im selben Glashaus. Morgens checke ich auf vier Internetseiten, wie sich das Virus verbreitet hat. In Deutschland, in Europa, in der ganzen Welt. Geht die Zahl der Neuinfizierten zurück? Danach fühle ich mich informiert. Das ist im ersten Moment befriedigend. Aber warum mach ich das? Weil ich es gewohnt bin, am Puls der Zeit zu sein. Einen Wissensvorsprung zu haben, aus dem ich für den Tag schöpfe, um daraus Nachrichten oder bestenfalls eine Geschichte zu machen. Journalisten, die am Nachrichtentisch sitzen, am Newsdesk, sind so. Das ist auch okay, so ist der Job.

Aber die Realität sieht anders aus. In der habe ich einen Zweitklässler zu betreuen, dessen Unterricht ab neun Uhr beginnt. Der angetrieben werden muss, weil er nicht immer versteht, dass er lernen muss, wo doch eigentlich keine Schule ist. Der nicht so richtig akzeptiert, dass nicht seine sehr geschätzte Klassenlehrerin bestimmt, was gelernt wird, sondern sein Vater. Dazu kommt eine Fünfjährige, die es bis jetzt immer noch genießt, nicht in die Kita zu müssen. Wie lange das anhält, ist die Frage. Morgens bleibt sie lange im Schlafanzug, spielt mit ihren Puppen, puzzelt und hört Grimms Märchen. Seit sie gemerkt hat, dass ihr Bruder einige Hausaufgaben am PC macht, möchte sie natürlich auch so etwas machen. Zum Glück habe ich bei geo.de eine gute Seite mit Kinderrätseln gefunden. Sie liebt es, Multiple-Choice-Fragen zu Pferden, Waldtieren oder Ostern zu beantworten. Da sie selbst noch nicht lesen kann, muss ich ihr die Antwortmöglichkeiten vorlesen und sagen, was sie anklicken muss. Das alles ist anstrengend. Kochen muss ich auch und die Kinder zum Aufräumen auffordern und natürlich selber noch sauber machen.

Einsam unterwegs am verlassenen Bolzplatz, den Gänse erobert haben.

Am späten Nachmittag habe ich genug. Meine Frau schickt mich raus. Statt eine Runde im Wald zu drehen, mache ich mich auf den Weg in die Stadt. Dabei höre ich in Dauerschleife drei Songs: „Sick Love“ von den Chilli Peppers, den ich am Morgen im Radio gehört hatte. Dann zwei deutschsprachige Songs: „Heite grob ma Tote aus“ von Voodoo Jürgens aus Österreich – makaber dieser Tage, zugegeben – und „Eisenhüttenstadt“ von Acht Eimer Hühnerherzen (den Bandnamen lasse ich unkommentiert, was soll man auch sagen) – das ist ein Loblied auf die Provinz.

Apropos: Ich habe gerade Stadt gesagt. Sie müssen sich Herzogenaurach nicht zu groß vorstellen. Ich habe sechs Jahre in Berlin gelebt. Demnach ist unsere neue Heimat im eigentlichen Sinne keine Stadt. Ich brauche keine zehn Minuten zu Fuß ins Zentrum, wo ich quasi alles bekomme, was ich brauche. Auch in Corona-Zeiten. Es ist halt nur noch ruhiger als sonst.

Die Kundgebung am 13. März wurde abgesagt. Es war der erste schulfreie Tag in der Corona-Krise. Die Erinnerung verblasst.

Die Apotheke hat geöffnet, das ist keine Überraschung. Wenn ich richtig zähle, gibt es vier Apotheken in einem Umkreis von wenigen hundert Metern. Das wiederum ist sehr urban. Ich benötigte eine Salbe für meine Tochter und ein leichtes Medikament gegen Heuschnupfen für mich. Der Einkauf ist nicht weiter erwähnenswert. Die Apothekerin, etwa 60, ist wie immer völlig entspannt und bei sich. Danach zum Lottoladen, der interessanterweise noch aufhat. Ja, ich spiele Lotto und zwar nicht online, da bin ich unglaublich altmodisch: Ich liebe es, eine Lottoannahmestelle zu betreten, die neben dem staatlich-organisierten Glücksspiel auch Zigaretten, Süßigkeiten und Zeitschriften führt und in der es immer etwas nach Tabakrauch riecht. Ich gebe meinen alten Schein ab, der Mensch hinterm Tresen überprüft ihn auf Gewinne und dann spiele ich den Schein neu. Das läuft immer so ab, auch jetzt.

Farbtupfer in leeren Straßen.

Ich bin mit der Verkäuferin allein im Raum. Darum unterhalten wir uns in normaler Lautstärke. Sie hat einen Kurzhaarschnitt, ist blondiert, trägt eine Brille und ist um die fünfzig. Wir sprechen natürlich über Corona und die Folgen. Sie werde ihre Öffnungszeiten anpassen, auch sie müsse Personal sparen. Dann kommen wir noch auf Urlaub zu sprechen. Sie wäre am Wochenende nach Thailand geflogen. Die Reise wurde storniert, zum Glück bekommt sie das Geld wieder, sagt sie. Ob Ägypten im September klappt, werde man sehen. Auch wir hätten zum ersten Mal in unserem Leben frühzeitig zwei Reisen gebucht, erzähle ich. Ostern auf Usedom falle sicher wegen Corona flach und Pfingsten auf Kreta wohl auch. Ich glaube, in diesem Moment beginnt der Groschen zu fallen, was die Sicht auf meine Probleme angeht und ihre Einordnung angesichts der anderen Nöte in der Welt.  

Wenig später stehe ich in der Fleischerei. Wie schon in den anderen Läden, bin ich auch hier der einzige Kunde. An allen Geschäften war außen gut lesbar der Hinweis angebracht, es mögen nur maximal drei Kunden auf einmal den Raum betreten. Halten sich auch fast alle dran, wie mir die ältere der beiden Fleischfachverkäuferinnen hinter der Theke berichtet. Eine Plexiglasscheibe schützt sie und ihre Kollegin vor Vieren schleudernden Kunden. Heute habe aber ein Mann den Laden betreten, als schon drei Kunden drin waren. Sie hätten ihn freundlich gebeten, draußen zu warten. Das habe der Mann mit Kopfschütteln zur Kenntnis genommen. Er sei wieder herausmarschiert und nicht zurückgekommen. „Den haben wir wohl als Kunden verloren“, sagt meine Verkäuferin. Der Verlust scheint ihr nicht sehr nahe zu gehen. Wie ich denn mit der Krise umgehe, möchte sie wissen. Ich klage ihr mein Leid mit den Kindern, die Eintönigkeit meines Alltags. Ich rede mich richtig warm. Sie sie schaut mich an, sagt aber nichts. Wir kommen auf die Fallzahlen zu sprechen, die ja weiterhin wachsen, aber eben nicht mehr so rasant. Mir fällt der Virologe Dr. Drosten ein. Deutschlands berühmtester Arzt hatte in einem Podcast erzählt, dass das Corona-Virus wohl nirgends so schlimm ausbrechen werde wie in Afrika, erzähle ich. Dort gebe es keine Infrastruktur, nur wenige Krankenhäuser und keine Regierungen, die den Leuten sagt, sie sollen zu Hause bleiben. `Im Juli, August werden wir dort Bilder sehen, die wir sonst nur aus Spielfilmen kennen´, zitiere ich Drosten. „In Indien wird es genauso aussehen“, sagt meine Verkäuferin. „Uns geht es doch richtig gut hier, wenn wir ehrlich sind.“ Recht hat sie.

Nachdem ich mein Grillgut eingepackt und bezahlt habe, mache ich mich nachdenklich auf den Rückweg. Ich denke an Afrika, denke an Familien, die keinen Garten und keine sechs Zimmer haben, nicht einmal Geld für einen Urlaub. Und ich erinnere mich an eine Meldung auf tagesschau.de. Dort warnte die Leiterin eines Frauenhauses, dass in diesen Zeiten häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder zunehme. Das Gleiche befürchtet auch der Kinderschutzbund. „Heite grob ma Tote aus“ – ich mache mich auf den Weg.

Klar, die Zeiten sind anders. Eintönig, langweilig. Es ist menschlich, über seinen Frust bei einem Freund oder dem Partner zu klagen. Das tut ja auch gut. Wenn das Klagen nicht hilft, dann geht man joggen, macht einen Spaziergang oder zwanzig Liegestütze. Danach kommt man aber wieder runter, schaut sich Nachrichten an und denkt an diejenigen, denen es wirklich schlecht geht. An die Menschen in Flüchtlingslagern, in den Kriegen dieser Welt. Ich habe mir das fest vorgenommen, wenn mich das Selbstmitleid wieder heimsucht. Ich bin zu Hause, mit meinen Kindern. Und ich habe nichts weiter zu tun, als mit ihnen Zeit zu verbringen. Was für ein Glück.

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

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