Weed, Guns and PornHub

Eine Kuh aus Draht auf einem Traioler in der fränkischen Pampa. Ich liebe dieses Motiv.

Ich frage den Holländer, ob er ein Bier möchte. Gerne, sagt er. Ich bitte ihn zu uns rüberzukommen. Die Engländer sind in ihrem Garten. Wir holen uns Stühle und setzen uns – getrennt durch den Zaun. Gartenparty in Zeiten wie diesen.

Spontane Partys sind die besten. Der ganze Tag steht von Anfang an irgendwie unter dem Zeichen des anstehenden Wochenendes. Mein Sohn hat schon morgens drauf bestanden, nur bis ein Uhr Unterricht zu machen. Schließlich habe er freitags – Corona hin oder her – auch immer nur bis 13 Uhr Schule. Wir üben Mathe und lesen. Seine Lehrerin hatte der ganzen Klasse dazu Link und die Login-Daten für eine neue Übe-Seite per Mail geschickt. Meine Tochter beschäftigt sich mit Schleichtieren. Ihrem Gemurmel nach geht es um eine Familiengeschichte zwischen Einhörnern und Pferden. Die erste Pause gibt es immer um halb elf. Mein Sohn spielt mit dem niederländischen Nachbarsjungen. Es geht wie immer darum, Bälle zwischen zwei Trampolinen hin und her zu werfen und zu schießen. Das geht meiner Erfahrung nach die ersten rund 20 Minuten gut, bis die zwei sich wegen irgendeiner Sache streiten. Dieser Streit hält meistens für zehn Minuten an – wenn sie sich räumlich trennen auch länger – und dann wird weitergespielt.

Mit meinem dritten Kaffee des Tages gehe ich auch raus und stelle fest, dass es wärmer ist als die Tage zuvor, an denen zwar auch die Sonne geschienen hatte, aber ein eisiger Wind aus nördlicher Richtung wehte. Dieser Wind ist verschwunden. Es ist frühlingshaft und warm. Ich entscheide mich dazu, abends den Grill anzuwerfen.

Inzwischen hat auch meine Tochter bemerkt, dass sich die Witterung verbessert hat und sich dazu entschieden, draußen zu spielen. Es bedarf meinerseits nur zwei Ermahnungen (ziehe bitte ein langes Oberteil und Schuhe an), die auf wenig Protest stießen. Das Kind hüpft angemessen gekleidet auf seinem Trampolin. Inzwischen haben die Niederländer ihre Hasen frei gelassen. Die beiden heißen Pipp und Bibby und sind eigentlich Kaninchen. Ich hege mehr Zuneigung für die Tiere als man erwarten könnte. Wir übernehmen den Hasendienst, wenn unsere niederländischen Nachbarn in den Urlaub fahren. Die Kinder finden die Idee zwar toll, Pipp und Bibby an Karotten und Salat mümmeln zu lassen. Letztlich ist es aber immer meine Aufgabe, den Tieren täglich Futter und Wasser zu geben, gelegentlich auch ihren Stall zu säubern und sie in einem kleinen abgesperrten Bereich des Gartens „flitzen“ zu lassen.

Vom kleinen Bereich kann aber jetzt keine Rede sein. Die Hasen rasen durch den ganzen Garten und genießen dieses riesige Stück Freiheit sichtlich. Die beiden Nachbarsmädchen fragen meine Tochter, ob sie rüberkommen will, zu den Hasen und in ihren Garten. Normalerweise ist geht das nicht ohne elterlichen Support. Die beiden sind zwei, beziehungsweise drei Jahre älter als sie. Also, in ihren Augen richtig große Mädchen. Heute ist es aber kein Problem. Ich hebe sie über den Zaun und sie ist verschwunden. Für zehn Minuten etwa. Dann stehen alle drei wieder auf der Matte. Meine Tochter fragt, ob sie drinnen spielen dürfen. Ich sage nein, weil ich mich an die Abmachung mit meiner Frau erinnere, die besagt, die Kinder sollen bei gutem Wetter draußen miteinanderspielen. Das gebe ich an das Trio weiter. Ihr könnt draußen spielen und Euch die Spielsachen mit rausnehmen. Kurze Zeit später wird nach und nach das halbe Kinderzimmer meiner Tochter in den Garten getragen. Die Mädchen spielen einträchtig mit Puppen.

„Girls, they wanna have fun“. Puppen in der Frühlingssonne.

Nicht ganz so harmonisch geht es bei den Jungs zu. Die haben sich mal wieder gestritten. „Papa, Wim sagt, Du bist hässlich“, klagt mein Ältester und hat Tränen in seinen großen Augen. Ich muss aufpassen, dass ich nicht lospruste. Wenn sich die beiden Jungs streiten, dann geht es irgednwann um die Familie, das Land oder den Garten. Das ist wohl so bei Kindern. Ich erkläre meinem Sohn, dass Wim das nur sagt, um ihn zu ärgern. Dass er mich natürlich nicht wirklich hässlich findet. Die Begründung reicht offenbar. Das Kind verschwindet nach oben, um sich seine Ninjagokarten-Sammlung anzuschauen. Ich selber schaue in den Spiegel. Gut, eine Rasur wäre nicht schlecht und die Haare gehen gar nicht. Ein Basecap macht seinen Job. Ich schaue an mir runter. Meine Hose, so eine dunkelblaue Chino, gehört in die Wäsche. Mein Oberteil ist von Zara, ein helles Longsleeve, mit einem Gitarre spielenden Monster als Motiv. Ich überschlage im Kopf: Jesus, das Teil ist 13 Jahre alt. Okay, vielleicht bin ich wirklich etwas hässlich.

Zeit zum Umziehen habe ich nicht. Die Kinder wollen was essen. Mittags gibt´s Nudeln, für einen mit Apfelmus, für die andere mit Käse und Ketchup. Ich selber gönne mir eine klägliche Portion mit rotem Pesto aus einem kleinen gekauften Glas. Bio, immerhin. Wir essen draußen. Ich habe die Gartenstühle aus dem Keller geholt. Ein buntzusammengestellter Haufen aus der ikea Fundgrube. Ich schaffe es nicht, sie ordentlich an den Tisch zu stellen, geschweige denn, die Sitzflächen abzuwischen. Unser Nachbar zur Rechten, der Engländer, schaut über den Zaun. Er fragt, ob ich Gas für den Grill habe. Er selbst hat es noch nicht geschafft welches zu besorgen. Da ich in einem sehr seltenen Moment der Erleuchtung und der Voraussicht eine Gasflasche auf Vorrat gekauft habe, kann ich helfen. Wenig später ziehen von nebenan Schwaden von brutzelndem Hack hinüber. Burgertime.

Fast schon Wochenende…

Inzwischen sind alle Kinder gestärkt und haben neue Energie – zum Spielen. Mein Sohn fragt, ob er wirklich noch Aufgaben lösen muss und bietet mir an, sie „morgen früh sofort nach dem Aufstehen“ zu erledigen. Beinahe zur selben Zeit fragt mich meine Tochter, ob sie und ihre holländischen Freundinnen drinnen weiterspielen dürfen. Mein Widerstand ist gebrochen. Ich sage zu allem ja und amen, erinnere die Mädels mit dem letzten Quäntchen väterlicher Autorität aber daran, bitte alles wieder aufzuräumen. Dann sauge ich das ganze Haus von oben nach unten, wische die Holzböden, das Treppenhaus und putze die Küche. Nach getaner Arbeit setze ich mich auf den Balkon, mache mir einen Drink und lese „Die Pest“. Dieser idyllische Moment währt immerhin eine Viertelstunde. Dann beginne ich meinem Glück irgendwie nicht zu trauen. Da ist dieses Gefühl: Das läuft gerade zu harmonisch, der Moment ist zu perfekt, es ist einfach zu still.

Ich gehe runter und ins Zimmer meiner Tochter. Ihr Bruder ist gerade mit großem Geschrei dabei, sämtliche Stofftiere aus dem Fenster zu werfen. Unten steht ein Mädchen und lächelt verlegen nach oben. Als der Junge mich sieht, rennt er an mir vorbei, die Treppe runter in den Garten. Zwei Mädchenaugenpaare sehen mich mit einer Mischung aus 80 Prozent Spielfreude und 20 Prozent Überraschung an. Ich bin selbst zu überrascht, um meinen Sohn aufzuhalten oder überhaupt etwas zu sagen. Außerdem habe ich etwas bemerkt. Erst unbewusst, aus den Augenwinkeln heraus, etwas, was nicht sein kann. Ich gehe zurück in den Flur. Auf dem Boden liegt Gra. Gras, Pflanzenreste, Dreck und zwar jede Menge davon. Alles sehr gleichmäßig verteilt auf dem Flurboden, im Treppenhaus und wie ich mit einem schnellen Blick über das Geländer feststelle, in etwa der gleichen Dichte auch im Erdgeschoss. Die Ursache des Übels liegt im Kinderzimmer und ist weiß: Eine Wolldecke, mit der sich meine Tochter zusätzlich zu ihrem Oberbett in besonders kalten Wintertagen zudeckt. Sie hatte sie unbemerkt von mir mit nach draußen genommen. Ich nehme die Decke und werfe sie aus dem Fenster, wo sie vor den Füßen meines verdutzten Sohnes landet, der gerade gegen eine Handpuppe kickt, es ist der Kasper, tritt.

Wenig später habe ich das Treppenhaus, das Kinderzimmer und das Wohnzimmer wieder gesaugt. Ich habe mich auch gar nicht so sehr aufgeregt. Jedenfalls spielen die Mädchen weiter und mein Sohn kickt draußen das x-te Trampolin-Fußball-Match. Inzwischen ist meine Frau nach Hause gekommen. Sie hatte seit dem frühen Morgen eine Sitzung, in der es um die Zukunft des Unternehmens ging. Es lief ganz gut, sie ist erleichtert und freut sich auf ihr Wochenende. Wer sich fragt, wie man zu Corona-Zeiten verhandelt: Die Beteiligten mussten einen Sicherheitsabstand von zwei Metern zueinander einhalten.

Diese Idylle war nur von sehr, sehr kurzer Dauer.

Ich fahre einkaufen und bin innerhalb einer halben Stunde wieder da. Mein Supermarkt ist auch in der Krise verhältnismäßig wenig los. Nachdem ich die Einkäufe eingeräumt habe, gehe ich in den Garten. Hier sieht es, anders als verabredet, noch immer ziemlich wild aus. Am Zaun zu unserer Linken treffe ich unseren niederländischen Nachbarn. Nach einem kurzen Plausch, den ich gerne noch fortsetzen möchte, frage ich ihn, ob er ein Bier möchte. Gerne, sagt er. Als ich mit zwei Flaschen aus dem Keller wiederkomme, hat er sich am Zaun in einem Gartenstuhl bequem gemacht. Ich schaue rüber zu den Nachbarn zur Rechten, den Engländern. Die sind in voller Mannschaftsstärke in ihrem Garten, der Vater, die Ma und die ältere Tochter und die beiden Jungs. Ich frage den Holländer, den ich ab jetzt einfach Piet nenne, ob er nicht zu uns in den Garten kommen möchte, weil wir uns dann alle etwas bequemer unterhalten können. Dazu muss man wissen: In der ersten Woche der Corona-Krise haben die Kinder jeden Tag stundenlang sehr eng miteinander gespielt. Sie sind durch die Gärten getobt und haben auf den Trampolinen gerauft. Seit vergangene Woche die Einschränkungen kamen, hat sich der Kontakt geändert. Für die Holländer und uns war nach kurzer Rücksprache klar, dass sie Kinder trotz der bayerischen Erlasse weiter miteinander spielen sollen. Sie haben nur Kontakt zueinander und zu uns Eltern.

„Little Brexit“

Die Engländer machen diese Regelung nicht mit. Fiona, so nenne ich sie mal, macht sich Sorgen wegen Corona. Sie will das Virus nicht im Haus haben. Außerdem fürchtet sie, dass uns Nachbarn bei den Behörden anschwärzen könnten, wenn sie sehen, dass wir unsere Kinder die staatlichen Auflagen missachtend miteinander spielen lassen. Piet, der Holänder, spricht angesichts des Verhaltens der Engländer vom „Little Brexit“. Man kann Fionas Verhalten hypochondrisch, paranoid aber auch fürsorglich und verantwortungsvoll finden, genauso wie unseres unverantwortlich, leichtsinnig, aber auch nachvollziehbar und liberal. Wie auch immer. Jedenfalls machen wir das Beste aus dieser Situation. Wir unterhalten uns, tauschen unsere Sorgen angesichts der Ausbreitung aus. Und wir lachen viel.

Piet, Craig (so nenne ich den Engländer) und ich unterhalten uns beim Bier über die Waren, die angesichts der Corona-Krise heiß in den unterschiedlichen Ländern heiß begehrt und darum auf dem Markt knapp werden. Keine Sorge, jetzt kommt nicht der 150 000. Klopapierwitz. Dass die Deutschen die weißen Rollen wie die Irren horten ist vergleichsweise langweilig und harmlos. Ebenso, dass in Großbritannien der Whisky knapp wird.

Beachtlicher finden wir da schon, was in Frankreich passiert. Dort ist der Traffic auf des Erotikvideoportals PornHub seit der Corona-Krise drastisch gestiegen. So drastisch, dass die Regierung in Paris die User wohl bald dazu aufrufen wird, ihren Hunger auf Erotikfilmchen in die Abendstunden zu stillen, damit das Internet für die Online-Lernangebote der Schüler freibleibt, vermutet Piet. Alle lachen. Komisch ist auch, dass in Holland Marihuana und Haschisch knapp werden. Die Niederlande scheinen sich konsequent durch die Krise zu kiffen. Craig kommt auf Amerika zu sprechen. Dort kaufen die Leute nämlich Knarren, die ultimative Waffe gegen Corona. Wir fragen uns, ob ein Volk, dass angesichts eines Virus seinen Konsum auf diese Weise ändert, nicht vielleicht doch den Präsidenten hat, den es verdient. Weed (Gras), Guns (Knarren) und PornHub – der Titel für diesen Blogeintrag ist geboren. Der Abend setzt sich so heiter fort. Wir trinken noch ein, zwei Biere. Irgendwann werfe ich den Grill an, die Niederländer steuern Pommes dazu – was auch sonst – und die Engländer sagen auf ihrer Seite vom Zaun good night, weil es kalt wird. Die Kinder setzen wir vor den Fernseher, es läuft noch was Harmloses auf KIKA. Irgendwann ist Schluss, alle gehen ins Bett. Die letzte Nachricht des Tages summt auf meinem Handy. Sie ist von Craig. Ein Link, House-Musik von der Insel. Vor ein paar Tagen hatte ich ihm einen geschickt – Technomusik aus Berlin. Es trennt uns lediglich ein Zaun. Vom „Little Brexit“ kann nicht die Rede sein.

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

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