„Die Pest“ und die Liebe – zur falschen und zur richtigen Zeit

So wie viele andere lese ich dieser Tage „Die Pest“ von Albert Camus. Es ist das zweite Mal und ein ganz anderes Erlebnis als zuvor. Außerdem denke ich über ein 24 Jahre altes Foto nach. Zwei Begegnungen mit mir selbst.

Ein einsamer Abendlauf durch das Frankenland. Zeit zum Denken.

Wenn Experten recht haben, erlebt Facebook durch die Corona-Krise eine Renaissance. Die Leute posten, was das Zeug hält. Machen ihrem Ärger über irgendwas Luft, gut, das tun sie ja immer. Es gibt zurzeit aber auch viel Musik, Fotos vom Meer und jede Menge alte Aufnahmen von Menschen, die heute ganz anders aussehen. Es werden mal wieder alte Fotos gepostet. Jugendsünden, Schnappschüsse, Bilder aus anderen Zeiten. Dazu wurde ich jetzt auch von Freuden aufgefordert. Ich weiß nicht warum, aber ich mache bei so etwas gern mit. Klar, das Ganze ist ein Zeitfresser und was mit den Fotos irgendwann passiert, weiß auch niemand. Aber es macht Spaß. Und wenn wir ehrlich sind, haben wir – vor allem ich – im Moment nichts mehr als Zeit. Also bin ich runter in den Keller und habe meine alte Fotokiste durchwühlt.

Sonntagnachmittag und nichts los in der Stadt. Die Eisdiele…
… ist geschlossen. Orte, an denen normalerweise viele Menschen sind, wirken leer besonders trist.

Am Sonntag haben wir mit der Familie einen Spaziergang durch unsere kleine Stadt gemacht. Es war extrem ruhig. Wie schon gesagt, Herzogenaurach ist selten der Nabel der Welt. Aber ein paar Leute sind eigentlich immer unterwegs. Am Sonntag war´s wie gesagt fast leer. Am Rathaus trafen wir ein Paar mittleren Alters. Beide führten einen Hund an der Leine. Einer von den beiden hatte ein weiß-braun-grau geschecktes Fell und zwei unterschiedliche Augen. Das Paar war wegen der Bürgermeisterwahl unterwegs – wie wir auch. Nach einander fielen Wahlzettel in einem extra aufgestellten Briefkasten. Sonntag war Stichwahltag und wegen Corona gab es keine Wahllokale. Dafür jede Menge Papier nach Hause. Die Wähler mussten sich zwischen einer Kandidatin und einem Kandidaten entscheiden. Also, ein Kreuzchen machen. Anschließend mussten sie ihre Stimmen und den Wahlzettel in zwei verschiedene Umschläge packen und zukleben.

In Herzogenaurach wurde der alte Bürgermeister wiedergewählt. Er heißt German Hacker. Mit dem Namen wird man entweder IT-Experte oder eben Bürgermeister. Es ist seine dritte Amtszeit. Die Wahlbeteiligung lag bei etwas über 66 Prozent – trotz Corona. Das bedeutet, dass 12.000 Menschen ihre Stimmen abgegeben haben. Die meisten schon vorher, wahrscheinlich wirklich per Briefwahl. Alles andere wäre angesichts der leeren Straßen am Sonntag kaum vorstellbar.

Ich muss an „Die Pest“ denken. In Oran, wo Camus´ Geschichte spielt, sind die Straßen im Gegensatz zu Herzogenaurach voll, obwohl die Pest schon ausgebrochen ist. Das ist etwas, was ich nicht verstehe. Müsste nicht Ausgangssperre herrschen in der algerischen Hafenstadt? Ich bin etwa auf Seite einhundert. Vermutlich klärt sich das in Kürze auf.

Ähnlich wie in heutzutage in vielen Staaten auch, dauert es in der Geschichte eine Weile, bis die Verantwortlichen den Ernst der Lage erkennen und handeln. Niemand darf Oran verlassen. Familien, Liebende, Freunde sind voneinander getrennt. Schiffe fahren nicht mehr und irgendwann auch keine Autos. Und trotzdem sind die Menschen draußen und sitzen bis tief in die Nacht in den Cafés und betrinken sich. Noch hat die Pest ihren Höhepunkt nicht erreicht.

Ein einsamer Held in einer Gegenwart ohne Zukunft

Der Erzähler berichtet eindringlich, wie sich die Seuche auf die Menschen auswirkt. Wie sie vereinsamen, wie sie sich an die Vergangenheit klammern, weil ihre Gegenwart keine Zukunft verspricht. Und das letztlich auch keinen Trost bringt. Denn die Erinnerung an glücklichere Tage frustriert die Bewohner eher noch mehr. Sicherlich trägt der Umstand, dass sich die Bewohner in einer Inselsituation befinden, zu dieser Hoffnungslosigkeit bei. Sie wissen, dass die Welt außerhalb der Stadtgrenzen ihren normalen Weg geht. Die Menschen außerhalb Orans sind frei.

Da ist unsere Situation heute natürlich besser. Die ganze Erde hat Corona. Man tröstet sich damit, dass es den Italienern, den Amerikanern und anderen schlechter geht als uns. Außerdem ist die Pest die viel entsetzlichere Krankheit. Sie tötet willkürlich, unterscheidet nicht zwischen Stark und Schwach, zwischen Jung und Alt. Menschen schreien und schlagen verzweifelt um sich, wenn abends der Krankenwagen vorfährt, um einen erkrankten Angehörigen abzutransportieren. Sie wissen, es ist ein Abschied für immer. Es gibt kein Wiedersehen mit dem geliebten Ehemann, der Tochter, dem Vater oder der Schwester. Sie werden abtransportiert, um einsam zu sterben. Kein Mensch hält ihre Hand. Es gibt niemandem, der den Sterbenden ein letztes Mal voller Liebe in die erlöschenden Augen sieht. Der Fels in dieser hoffnungslosen Brandung ist Dr. Rieux. Der Arzt ist ein unverwüstlicher Realist und erlebt die Schrecken der Krankheit jeden Tag aufs Neue. Entsetzen, Verzweiflung, Tod. Noch steckt er voller Kraft.

„Die Pest“ spielt in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Rund achtzig Jahre später sind wir weiter. Heute isolieren wir uns, damit sich die Krankheit nur langsam ausbreitet. Außerdem haben wir andere Möglichkeiten, uns zu beschäftigen: Fernsehen und natürlich das Internet. Infos, Musik, Chatten – alles drin, rund um die Uhr.

Der Zufall und die Zeit entscheiden über Glück

Und wir haben Facebook und können zu unserem Zeitvertreib mehr oder weniger lustige Spiele spielen, wie das mit dem Jugendfoto. Ich habe ein Bild gefunden, was ich gepostet habe (hier erscheint es nicht). Es stammt aus einem Urlaub in Zypern. Das Bild ist 24 Jahre alt und zeigt mich, kurz bevor meine damalige Freundin und ich ausgegangen sind. Wahrscheinlich in eine Disco oder so. Für die damaligen Maßstäbe sehe ich wahrscheinlich relativ gut aus. Schlank, braungebrannt, modischer Bart, Ohrring und zu viel Gel im kurzen Haar.

Jetzt, wo ich mir das Foto so ansehe, fällt mir auf, dass ich damals nicht glücklich war. Ich denke an die Zeit zurück und stelle fest, dass ich nicht so war wie ich bin. Mir waren Äußerlichkeiten wichtiger als jemals davor oder danach. Ich wollte meiner damaligen Freundin um jeden Preis gefallen und musste darum immer toll aussehe. So dachte ich. Keine Ahnung, wo mein Selbstvertrauen war in der Zeit. Ich habe Musik gehört, Filme und Serien gesehen, die ich zwar okay fand, aber nicht richtig gut. Meine Freunde habe ich kaum noch getroffen und weder Fußball gespielt noch geschaut. Es war wie ein Wettbewerb gegen mich selbst. Wenn ich den Typen von damals heute treffen würde, würde ich sagen: Junge, was machst Du? Sei mal wieder normal. Meine damalige Freundin hat keine Schuld daran, dass ich so war wie ich war. Sie kannte mich ja nicht anders. Außerdem war ich 22 Jahre alt und für mich selbst verantwortlich. Wäre die Beziehung besser gewesen, wenn ich mich nicht so angepasst hätte? Vermutlich ja. Man weiß es nicht und es spielt keine Rolle mehr. Vielleicht passten wir generell nicht zusammen.

Ich kann mich an einen Abend im Spätsommer erinnern. Wir waren auf einer Freilichtbühne im Münsterland. Sie spielten „Hair“. Es war die letzte Vorstellung der Saison. Die Darsteller – sicherlich fünfzig, sechzig Leute – waren schon vor der Aufführung bester Laune. Einige tranken Sekt oder kifften mit Freunden im Publikum. Ein großer Abend kündigte sich an, ich spürte das. Es lag eine besondere Stimmung in der Luft, was nicht nur am Marihuana-Rauch lag. Die Show begann und es war toll. Ich war wie gefangen. Am Ende gab es Standing Ovations und eine 15-Minuten-Version von „Let the sunshine in“ mit Feuerzeugen und Wunderkerzen. Alle tanzten und sangen mit. Beseelt gingen wir zum Auto und stiegen ein. Und meine Freundin machte Technomucke an… Menschen sind unterschiedlich.

Wieder auf Kurs?

Nach insgesamt zweieinhalb Jahren war es vorbei, was völlig in Ordnung ist. Wir sind ohne großen Groll auseinander gegangenen, für irgendwas Ernstes waren wir auch nicht reif genug. Sie hat Jahre später den Typen geheiratet, den sie wegen mir verlassen hat. Ich war zur Hochzeit eingeladen. Es war ein schönes Fest. Letztlich passen die beiden so viel besser zusammen als sie und ich. Sie haben zwei Kinder und nach dem, was ich über soziale Medien mitbekomme, sind sie bis heute sehr glücklich. Eine Frage ist, ob sie das auch wären, wenn ich sie damals nicht getroffen hätte? Vielleicht wäre sie jetzt mit einem ganz anderen Typen zusammen und hätte ganz andere Kinder. Eins ist sicher: Es kommt darauf an, in welcher Lebensphase sich Menschen begegnen. Mal passt es zwischen ihnen, mal nicht. Mal hätte es gepasst, aber da waren sie nicht zusammen. Zur richtigen Zeit haut die Sache hin, zur falschen nicht. Solche Überlegungen kommen dabei heraus, wenn man ein altes Foto findet. Corona und Facebook machen ´s möglich.

„Die Pest“ habe ich zum ersten Mal 1999 gelesen. Das war gut zwei Jahre nach der Beziehung zu der oben genannten Freundin. Ich kann rückblickend sagen, dass ich in dieser Zeit wieder deutlich mehr bei mir war, mehr ich selbst also. Ich war allein, also, ohne Beziehung. Es gibt Menschen, die hassen es allein zu sein. Zu denen gehöre ich nicht. Schon als Kind war ich gerne zwei, drei Tage allein und habe mich selbst beschäftigt. Noch bin ich gern allein, was heutzutage, in Corona-Zeiten, noch schwieriger ist als sonst.

Sevilla, eine Verheißung. Das Foto stammt aus dem Jahr 2012.

Ein Freund hatte mir das Buch empfohlen und ich hatte es als Reiselektüre im Gepäck, als ich zu einer Hochzeit nach Sevilla flog. Ich hatte blieb eine Woche in der Stadt. Ich war sehr viel allein, erkundete die Stadt zu Fuß und las das Buch eigentlich überall. In einem kleinen Café am Guadalquivir zum Cafe solo und einem Magno (ein Brandy), auf einer schattigen Bank im Parque de Maria Luisa oder in einer ranzigen Tapasbar im Macarena-Viertel, das ist der Urkern der Stadt. Ich glaube, wenn man das hier liest, kann ich kann nicht verhehlen, dass ich Sevilla liebe. Das hängt natürlich mit dieser Reise vor über 20 Jahren zusammen. Ich war allein und mich habe mich einfach treiben lassen und nur am Rande am echten Leben teilgenommen. Wer weiß, ob ich die Stadt so schön empfunden hätte, wenn ich in Begleitung gewesen wäre.

Der Blick über die eigene, zwanzig Jahre jüngere Schulter

Ich wollte aber über das Buch reden. Noch heute sehe ich mich selbst an den Orten, an denen ich es las. Eine Geschichte in einer Geschichte: Matthias Witte liest „Die Pest“ von Albert Camus in Sevilla. Vielleicht kennt mancher Leser solche Momente, in denen man sich selbst bei irgendwas zuschaut. Gut kann ich mich daran erinnern, wie ich auf einer versteckten Bank am Fluss saß und mich über eine der Nebenfiguren im Buch amüsiert habe. Einen eigentlich unglücklichen und bedauernswerter Charakter, dem Camus ausgerechnet den Namen „Grand“ verpasst hat. Dieser Grand arbeitet bei der Stadt und versorgt Dr. Rieux mit Informationen über die Zahl der Pestkranken. In einer privaten Situation gesteht Grand dem Arzt, dass er seit Jahrzehnten an einem Buch schreibt, aber einfach über den ersten Satz nicht hinauskommt. Ich sehe mich vor mir, wie ich auf der Bank sitze und laut lache.

„La Guapa“ – „Die Schöne“ – so nennen die Bewohner ihre Kathedrale, Maria de la Sede.

Es gibt weitere skurrile Erinnerungen: Als ich die Beschreibung des Ausbrauchs der Pest las, saß ich abend, in einem Restaurant direkt an der Imagen. Das ist die Straße, die den Stadtkern in Nord und Süd teilt. Es bediente ein eleganter, attraktiver Mann in weißem Hemd und schwarzer Hose. Ich mag so was. Kellner in schwarz-weiß, sogar mit Fliege, aber nur, wenn es passt. Das Setup des Restaurants muss auf jeden Fall etwas Altmodisches oder Antiquiertes haben. Ein Ort, an dem es nicht komisch klingt, wenn man zum Kellner „Herr Ober“ sagt. Nach Berlin-Mitte passen solche Kellner nicht, da wirkt das affig. In Sevilla, in diesem Restaurant in der Imagen, wo die Leute Ducados rauchten und alten Serrano-Schinken aßen, passte es wunderbar.

Der Kellner hatte mir die Rechnung schon gebracht, ich hatte die Peseten-Scheine samt Trinkgeld in das Metallschälchen gelegt und konzentrierte mich auf das Buch, in dem jetzt beschrieben wurde, wie die Pest die Sterbenden den Lebenden aus den Händen reißt. Beiläufig bekam ich mit, wie ein Gast direkt neben mir, dem eleganten Kellner zuwinkte und dabei Daumen und Zeigefinger aneinander rieb. Ich versuchte diese Geste zu ignorieren, aber meine Aufmerksamkeit war irgendwie geweckt. Der Kellner trat an den Tisch, fragte freundlich „Senor?“ und mein Nachbar fragte im saubersten rheinischen Slang zurück: „Was kriegste denn dafür?“

Es ist ein Unterschied, das Buch in einer schönen Stadt zu lesen, in der man sich frei bewegen und einem die Orte zum Lesen praktisch von alleine begegnen. Wenn man frei und ungebunden ist und mit nichts anderem beschäftigt als sich selbst. Zu Hause, mit zwei Kindern, die selbst beschäftigt werden wollen, ist es komplett anders. Das eine ist wie mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein: Man ist gleichmäßig unterwegs, muss zwar mal umsteigen, setzt dann aber wieder hin. Das andere ist wie mit dem Auto durch den Feierabendverkehr. Man steht im Stau, muss aber Termine einhalten, jemanden abholen und noch etwas besorgen und ist nie so richtig Herr der Lage. Trotzdem möchte ich nicht mit mir tauschen, ich habe die Erfahrungen ja machen können. Es tut aber gut, gelegentlich einen Blick über meine eigene, mehr als zwanzig Jahre jüngere Schulter werfen.

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

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