„Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben,…

Leere Stühle in Corona-Zeiten: Steckt ein tieferer Sinn hinter diesem Foto Hier nicht, es ist ein Schnappschuss am Morgen.

… wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.“ Der Satz ist aus Schillers Wilhelm Tell. Eigentlich sollte er hier nicht stehen, so wie der ganze Beitrag nicht. Ich wollte über den letzten Schultag schreiben. Aber das Schicksal hat manchmal andere Pläne.

Ich sitze auf der Terrasse, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und die Kinder sind gut drauf. Eigentlich möchte ich einen Kaffee trinken und dabei „Die Pest“ weiterlesen. Aber es geht nicht. Direkt in meinem Gesichtsfeld, gleich oberhalb des oberen Randes des Taschenbuchs, herrscht reges Treiben. Während ich hier im Sonnenstuhl sitze und den Samstagnachmittag genießen möchte, sind unsere holländischen Nachbarn bienenfleißig. Sie machen ihren Garten schön, fegen die Blätter und kleinen Stöckchen aus den Beeten und holen ihre Gartenmöbel und Sonnenschirme heraus. Sogar ihren Hasenkäfig haben sie abgebaut, gesäubert und an einer anderen Stelle wieder aufgebaut. Mann und Frau arbeiten Hand in Hand zusammen, ein tolles Team. Es fehlt eigentlich nur noch, dass sie ein Arbeiterlied singen oder gemeinsam pfeifen in ihrer Emsigkeit. Ich denke an meine Frau, die nach einer anstrengenden Woche verdientermaßen oben auf dem Balkon döst. Ich sehe mich, wie ich hier am Tisch sitze und lese.  

Wobei, jetzt gerade mach ich das nicht mehr. Jetzt mustere ich meine unmittelbare Umgebung: Die sieht ziemlich traurig aus. Braune, vertrocknete Blätter und Stöckchen liegen überall auf der Terrasse herum. In den Ecken, unter dem Grill, der auch mal wieder eine ausgiebige Reinigung vertragen könnte, und unter der Bank, wo schlecht versteckt, zwei Bierkisten stehen. Die wollte ich eigentlich, wo es jetzt wärmer wird, schon längst in den Keller gebracht haben. Dort lagern unsere Nachbarn, auf der einen Seite die Holländer und auf der anderen Engländer, ihr Bier. Auf ihren Terrassen habe ich, soweit ich mich erinnere, noch nie eine einzige Flasche stehen sehen, geschweige denn eine ganze Kiste.

Schreit nach Frühjahrsputz: Unsere Terrasse

Gartenhandschuhe im Doppelpack

Ich meine, Piet, der holländische Nachbar, ist wie ich die Woche über zu Hause. Eigentlich könnte er diese Gartenarbeit auch dann erledigen und nicht jetzt am heiligen Wochenende, wo sein fauler Nachbar völlig undeutsch träge in der Sonne sitzt und in seinem Buch schmökert. Aber nein, das macht er nicht, der Piet. Stattdessen trägt er Gartenhandschuhe, in orange übrigens – dieser Muster-Niederländer – und macht einen engagierten Eindruck, während er die Harke beherzt, munter und gekonnt durch das Beet zieht. Kommen die Flodders nicht aus den Niederlanden? Wer sie nicht kennt: Die Flodders sind eine Großfamilie, die in eine schicke Bungalowsiedlung zieht und das Haus zu einem Saustall verkommen lässt. Der Film war in den 80ern ein Riesenerfolg. Mit den Flodders haben unsere Nachbarn jedenfalls nichts gemein. Sie sind Anti-Flodders.

Es ist zu dumm. Während der Nachbargarten auf Vordermann gebracht wird, hüpfen Mädchen juchzend auf dem Trampolin herum. Die Jungs spielen Frisbee. Die grüne Scheibe schlägt einen Meter neben mir im Zaun ein. Gerade will ich den unbedachten Werfer zurechtweisen, als von rechts eine Stimme ertönt und lachend „Be careful, guys“ hinüberruft. Es ist Fiona, die englische Nachbarin. Sie trägt Arbeitshandschuhe (sie sind blau) und erklärt mir freudestrahlend und mit glänzender Stirn, dass sie dabei ist, ihren Grill sauber zu schrubben. Diese blauen Handschuhe muss es irgendwo – sehr wahrscheinlich bei Marks and Spencer´s – im Doppelpack geben. Denn Craig, Fionas Gatte, trägt dieselben. Er schiebt im Hintergrund ein Gerät mit einem meterlangen Stromkabel durch seinen Garten. Als er mich sieht, tritt er strahlend an den Zaun. Er begrüßt mich herzlich und erklärt mit fröhlicher Eifrigkeit, dass er sein Wochenende und das herrliche Wetter nutzt, um den Garten für das abendliche Barbecue fertig zu machen.

Ein verrottetes Blatt aus dem letzten Herbst: Wie eine stumme Ermahnung an den Hausmann

Wieder donnert die Frisbee-Scheibe gegen den Zaun, diesmal noch knapper an mir vorbei. Ich will lautstark protestieren, halte dann aber inne. Stattdessen entscheide ich mich dafür, das einzige zu tun, was man in dieser Situation tun kann: Rückzug auf allen Ebenen. Sollen sie doch ruhig ihre Gärten auf Vordermann bringen, es ist mir Wurscht. Sollen sie doch Löcher in die Zäune werfen. Hier draußen ist mir eindeutig zu viel Energie.

Drinnen lasse ich mich aufs Sofa fallen, atme tief durch und genieße die Ruhe. Dann greife ich zum Handy, um kurz zu checken, was bei Facebook los ist. Als erster Beitrag erscheint ein Foto, das ein Freund gepostet hat. Es zeigt seinen Garten. Darüber steht der Text. „Endlich habe ich mal Zeit, Dinge zu tun, die man sonst nicht hinbekommt. Man sieht: Die Arbeit lohnt sich.“ Okay, ich gebe auf… Wo sind meine verdammten Gartenhandschuhe?

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

Ein Kommentar zu “„Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben,…

  1. Ich hoffe, die Handschuhe sind aufgetaucht ;)? Nachdem ich gerade eine große Prüfung hinter mir gelassen habe und damit (hoffentlich verdienten) Urlaub versuche ich mich auch gerade als Hobygärtnerin – und wenn man dann angefangen hat, läuft es gut. Aber bis dahin verlaufe ich mich häufig ;)-

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