Bayern, meine Tante, ein Lied und eine Idee

Womit beschäftigst du dich, wenn nicht viel passiert? Telefonieren hilft, am besten mit Leuten, mit denen du sonst selten redest. Und alte Songs und alte Fotos.

Die bekannten Wege verlassen. Beim Joggen zum Beispiel. Auch, wenn man sich wie ich dabei verläuft.

My Corona Bavariae: Der Titel dieses Blogs stimmt bei genauer Betrachtung eigentlich nicht. Inhaltlich geht es natürlich um ganz viel Corona. Auch um mich dreht sich sehr viel. Aber um Bayern geht es eigentlich kaum. Das ist wahrscheinlich damit zu erklären, dass meine Familie und ich uns zwar in Bayern (Franken) befinden, wir aber Dinge, die für die Region oder meinetwegen das Bundesland typisch sind, im Moment nicht erleben oder sie nicht wahrnehmen. Unser Alltag findet überwiegend im Haus oder jetzt, bei diesem sommerlichen Wetter, im Garten statt. Dieser Garten und dieses Haus könnten aber überall stehen – etwa in Schleswig-Holstein oder in Sachsen-Anhalt. Auch diesen Bundesländern wären wir Corona-bedingt an unser Zuhause gebunden und würden keine oder nur wenige landestypische Dinge wahrnehmen.

Vielleicht hätten wir in Schleswig-Holstein irgendwo im Haus ein Bild von der rauen See hängen – oder einen Sonnenuntergang am Strand oder von der Kieler Woche. Und wenn wir in Sachsen-Anhalt wohnten, vielleicht ein Foto von Magdeburg oder vom Ostharz. Sehr wahrscheinlich ist das nicht. Denn auch jetzt hängt nichts landestypisches herum, nichts von Bamberg (obwohl das eine unglaublich schöne Stadt ist) oder irgendein Höhenzug der Fränkischen Schweiz (die auch sehr hübsch ist). Auch als wir in Berlin lebten, hing kein Foto vom Alex, vom Ku´damm oder sonst irgendein typisches Motiv an irgendeiner Wand. Die Ausnahme bildet Osnabrück. Wir haben vom Landkreis, vom Sprecher der Landkreisbehörde, wenn man ´s genau nimmt, vor mehr als zehn Jahren einen Kalender geschenkt bekommen. Der hängt bei uns auf der Gästetoilette und zeigt auf jeder Seite je ein Foto mit Menschen aus dem Landkreis Osnabrück und dem polnischen Partnerlandkreis Olztyn. Derr Kalender gefällt uns sehr gut. Die Fotos sind nicht gestellt, es sind echte Menschen zu sehen.

Der polnische Schuster ist weg

Aber ich schweife ab, ich wollte doch über Franken (Bayern) reden. Außerhalb des Hauses, auf dem Weg zum Einkaufen, bei einem Spaziergang oder beim Joggen, bekommt wenig man wenig zu sehen, was einem entzückt ausrufen ließe: „Ach schau, typisch Bayern“. Ein Bäcker ist ein Bäcker, ein Supermarkt ein Supermarkt. Die Rewes, Edekas, Lidls und Kauflands haben in Bayern genau das Gleiche, was sie an der Küste auch haben, mit Ausnahme regionaler Kartoffeln vielleicht. Dabei hat Herzogenaurach auch in Corona-Zeiten eine schöne Altstadt mit Fachwerkhäusern und zwei mittelalterlichen Türmen sowie eine Storchenpopulation, die im Vergleich zum Vorjahr noch gewachsen sein dürfte.  Trotzdem: Bayern hat es gerade schwer, sich seinen Anteil dieses Blog-Kuchens zu sichern. Vielleicht ändert sich das ja noch.

Wir wechseln das Bundesland, in dem – vom subjektiven Gefühl her – irgendwie mehr passiert. Von meiner Berliner Tante habe ich hier schon erzählt. Bei unserem letzten Telefonat war sie etwas betrübt. Ihr polnischer Schuster hat wegen Corona schließen müssen. Sie fragt sich, warum. In seinem winzigen Laden in ihrem Kiez sei ohnehin immer nur Platz für einen Kunden gewesen. Und lange aufgehalten habe sich dort auch niemand. Schuhe hinbringen, Termin zum Abholen vereinbaren, abholen, bezahlen, fertig. Der Schuster selbst habe sich außerdem lieber mit alten Absätzen und abgelaufenen Sohlen beschäftigt als mit deren Besitzern. Meine Tante hatte nach eigenen Angaben mehrfach versucht, sich mit dem kleinen Mann zu unterhalten. Er habe aber zu allem, was sie sagte, immer nur ganz kurz „ja, ja“ gesagt und sich dann wieder den Schuhen gewidmet. Es entspricht dem Charakter meiner Tante, sich darüber zu amüsieren und nicht etwa gekränkt zu sein. Sie hat ihn wirklich gemacht, den Schuster. Er habe stets schnell und gut gearbeitet und relativ wenig Geld für seine Arbeit verlangt. Oft habe sie die Beträge aufgerundet, sagte sie. Sie hat ihn wirklich gemocht. Gut, ob er über alle Reparaturen und die Geldtransaktionen Buch geführt habe, das wisse sie auch nicht. Es sei ihr aber auch egal. glaubt eh nicht, dass der kleine Schuster die Krise überstehen wird. Sie fürchtet, sein Laden bleibt geschlossen. 

Findet man sicher eher in Franken als in Berlin – eine alte Feldwalze. Oder was ist das?

Meine Tante ist Lehrerin, inzwischen pensioniert, aber überhaupt nicht der Typ, der bis zum letzten Atemzug Lehrer oder eben Lehrerin bleibt. Genau diesen Typ, pensionierte Lehrerin, habe ich hier in Franken (Bayern) schon kennengelernt. Das war beim Vorlesewettbewerb in der Grundschule, noch vor Corona. Es gab dabei eine Jury, der neben einer aktiven Deutschlehrerin und mir noch zwei ehemalige weibliche Lehrkräfte der Schule angehörten. Einem Jungen, der zwar sehr schön, aber auch nicht herausragend (und für meinen Geschmack viel zu leise) vorgelesen hatte, wollte eine dieser Lehrerinnen auf den ersten Platz wählen. Begründung: Schon seine Mutter seine eine gute Schülerin gewesen. Letztlich landete der Junge auf Platz drei.

Nein, so ist meine Tante überhaupt nicht. Ich kann mir nicht mal vorstellen, dass sie sich heute noch für so einen Wettbewerb zur Verfügung stellen würde. Dafür liebt sie ihr Leben viel zu sehr, ist aktiv, sie radelt und ist im Allgemeinen bemüht, sich in Form zu halten, in jeder Hinsicht. Ihr Mann ist vor kurzem nach schwerer Krankheit gestorben. Die zwei hatten sich schon Jahre zuvor getrennt. Trotzdem hat sie ihn bis zu seinem Tod täglich im Krankenhaus besucht. Sie hat sich um seine Beerdigung und um sein Grab gekümmert. Fast täglich teilt sie in ihrem WhatsApp Status ein Foto von ihm, eine Erinnerung an eine gemeinsame Reise oder eine seiner Zeichnungen und Malereien. Mein Onkel konnte ziemlich gut mit Stift und Pinsel umgehen. Meine Tante spricht, glaube ich, viel von ihm. Mit mir jedenfalls. Ich glaube, sie macht das bewusst, weil es ihr gut tut. Jetzt hat sie mir geschrieben, dass sie auf YouTube eine Anleitung zum Strümpfe-Stricken gefunden hat. Das erste Paar ist schon fertig.

Bei YouTube gibt´s zum Glück nicht nur Tutorials zum Stricken. Vor ein paar Tagen habe ich ein Musikvideo gepostet. Es ist von der französischen Band „Les Rita Mitsuoko“, ein Lied aus den Achtzigerjahren. Für das Posting habe ich mehr positive Rückmeldungen bekommen als ich erwartet hätte. Einige meiner Freunde hat der Song an ihre Jugend erinnert und sich für diese Erinnerung bedankt. Es müssen schöne Erinnerungen sein. Andere sagten, sie hätten die Platte immer noch irgendwo im Keller und jetzt einen Ohrwurm und andere haben einfach ein Herzchen oder einen Daumen unterm dem Post hinterlassen. Mich erinnert das Lied vor allem an meine Mutter. Ich blicke in die 80er Jahre zurück sehe sie vor mir in unserer kleinen vollgestopften Küche.  Auf WDR 2 läuft der Song und sie flippt dazu aus, tanzt wild und benutzt den Kochlöffel, mit dem sie Ratatouille oder Mirácoli zubereitet, als Mikrofon. Ich glaube als Kind habe ich mich immer ein bisschen dafür geschämt, wenn sie so war. Heute weiß ich, woher ich es habe, wenn ich mich in Situationen so benehme, dass es für meine Kinder unangenehm ist. Ich weiß genau, wie sich meine Mutter gefühlt hat: Es macht einfach unglaublich viel Spaß.

Tja…

Corona hat auch für mich Folgen. Projekte wurden wegen der wirtschaftlich unsicheren Zeiten nach hinten verschoben. Mit einer Freundin hätte ich einen Podcast gestartet. Nun, aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Jetzt ist mir die Idee für einen positiven Podcast für diese Zeiten gekommen und der hat auch mit Erinnerungen zu tun. Meine ganze Familie, Frau und Kinder, hat am Wochenende fast einen ganzen Morgen Bett verbracht. Wir haben uns Fotos angesehen. Dazu gab es Kaffee, Kakao und heiße Milch mit Honig. Es war großartig, vor allem die Urlaubsfotos. Klar kommt Wehmut auf beim Blick auf schaumige Ostseewellen und den Bolzplatz am kleinen Hafen am Stettiner Haff, wo wir unsere Osterferien normalerweise verbracht hätten. Aber der Trick ist, nicht traurig zu werden und zu denken, wenn bloß dieses blöde Virus nicht wäre…

„Dr. Beach“ verschreibt die See

Jetzt zu meiner Podcast-Idee: Für Menschen, die es schwer haben mit dieser Corona-Situation müsste eine „Nummer gegen Kummer“ geben. Sie würden sich ihr Leid, ihre Sorgen, ihre Wut, ihre Einsamkeit – einfach all das, was sie gerade belastet, von der Seele reden. Und zwar gegenüber einem Mann, den ich „Dr. Beach“ nennen möchte. Der Name gefällt mir einfach, ob der Kerl jetzt wirklich Mediziner oder Psychologe ist, ist egal. Ich stelle mir jemanden in Bermudas, einem kurzärmligen Leinenhemd vor, vielleicht hat er aiuch einen Bart, trägt Sonnenbrille und Strandhut. Er bringt seinen Gesprächspartnern viel Verständnis entgegen, hört vor allem aufmerksam zu und stellt vielleicht noch die eine oder andere Nachfrage. Am wichtigsten ist aber, dass er ihnen zum Ende hin eine Frage stellt: An welchem Strand wärst Du jetzt gerade?

Das kann ein Strand an dem sie schon waren oder an den sie immer schon einmal sein wollten. Völlig egal. Die Leute erklären, warum es gerade dieser Strand sein soll und welche Erinnerungen und Wünsche sie damit verbinden. „Dr. Beach“ schickt seine Patienten letztlich immer ans Meer. Er verschreibt die See.

Völlig egal, ob es das Mittelmeer, die Karibik, Nord- oder Ostsee ist, das Schwarze, Rote oder Weiße Meer. Es kann nicht schlecht sein, wenn uns an diesen seltsamen Tagen eine paar gute Erinnerung an und die Vorfreude auf bessere Tage begegnet. Irgendwann sind wir wieder da. Dann bauen wir die größte Sandburg aller Zeiten, essen ein Fischbrötchen, trinken Weißwein im Sand, schauen aufs Meer und im Hintergrund läuft irgendwo Marcia Baila oder was anderes Schönes.  

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

2 Kommentare zu „Bayern, meine Tante, ein Lied und eine Idee

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