Die Unberechenbarkeit der Schlange

Heute ist ein merkwürdiger Tag. Vielleicht liegt es am Wetter, es wird ja wieder wärmer. Aber ich fürchte, das ist nicht der Hauptgrund.

Trotz des guten Wetters sind wenige Menschen unterwegs. Wenn man jemandem begnet, ist es seltsam

Albert Camus hat ganz offensichtlich eine Schwäche für ungewöhnliche Figuren. Von denen tauchen in „Die Pest“ eine ganze Reihe auf. Da wäre zum Beispiel ein kleiner, alter Mann, der jeden Tag zur Mittagszeit auf seinen Balkon tritt. Dann schaut er über das Gelände. Dort spielen Straßenkatzen im Schatten. Der Mann lockt sie mit „Miez, Miez“ Rufen an und wenn sie direkt unter ihm stehen, spuckt er ihnen aufs Fell und freut sich diebisch darüber.

Ein anderer, noch etwas älterer Mann, bekommt regelmäßig Hausbesuch von Dr. Rieux. Er ist Asthmatiker und hat mit 50 Jahren beschlossen, sich komplett aus dem Leben zurückzuziehen. Er arbeitet nicht mehr, tritt nicht mehr vor die Tür und bekommt außer vom Arzt keinen Besuch. Außer zu seiner Frau hat der Mann alle sozialen Kontakte abgebrochen. Er verbringt seine Tage im Bett. Seine einzige Beschäftigung ist es, Erbsen von einem Kochtopf in einen anderen zu füllen und zwar Stück für Stück. Hat er die Erbsen fünfzehnmal umgetopft, weiß er, jetzt gibt es etwas zu essen.

Der Katzenspucker und der Erbsenzähler sind für die Handlung eigentlich völlig nebensächlich. Trotzdem bereichern sie die Geschichte. Die beiden Männer amüsieren uns Leser, weil sie kauzig und skurril sind – und damit eine Leichtigkeit in das eigentlich todernste und dramatische Geschehen bringen. Nun ist Herzogenaurach nicht Oran, und Corona zum Glück nicht die Pest. Anders als in Oran, wo die Menschen trotz der tödlichen Krankheit auch zur Hälfte des Buches noch in Cafés sitzen und in überfüllten Straßenbahnen durch die Stadt fahren, gelten hier in Franken wie in ganz Deutschland Kontaktbeschränkungen. Einen Meter fünfzig Abstand, mindestens, sollen die Menschen zu einander haben, um so die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Bei der Einhaltung dieses Maßstabes gibt es manchmal Dinge zu beobachten, die sicher auch Camus aufgefallen wären.

Sehr brav: Der Franke nimmt die Abstandsregel ernst, auch morgens beim Bäcker.

Eine (vielleicht gar nicht) seltsame Beobachtung

In unserer kleinen Stadt gibt es einen Bäcker. Es gibt mehrere, aber dieser ist von unserem Zuhause aus der nächste. Im Geschäftsraum ist wegen der Ein-Meter-Fünfzig-Abstand-Regel nur Platz für maximal drei Kunden. Kommt ein vierter, muss er draußen warten. Das klappt übrigens einwandfrei. An Wochenendvormittage wollen aber oft mehr als zehn, fünfzehn Menschen auf einmal frische Backwaren. Darum wird die Schlange länger. Von der Eingangstür bis zur Straße sind es etwa fünf Meter. Darum können in dieser Reihe höchstens vier Menschen warten. Kommen mehr, muss die Schlange einen Knick machen. Mal nach links, mal nach rechts.

Am vorletzten Wochenende war der Knick immer links herum. Ich weiß das, weil ich einmal selbst in der Schlange stand und zweimal zu unterschiedlichen Zeiten vorbeigefahren bin. Als ich am Osterwochenende Brötchen holen wollte, knickte die Schlange zu meiner Überraschung nach rechts ab. Weil ich sowieso noch in den Supermarkt nebenan musste, ging ich an der Schlange vorbei. Sie war sehr lang. Dabei beschäftigte mich die Frage, warum die Schlange mal links und mal nach rechts abknickt. Eine logische Erklärung: Menschen, die von rechts zur Bäckerei kommen, stellen sich eher rechts an, weil der Weg kürzer ist. Und wer von links kommt, eben links. Ganz einfach eigentlich. Zwei Fragen konnte ich mir nicht so einfach beantworten: Wie stellt sich jemand an, der geradewegs auf den Bäcker zugeht? Das ist möglich, denn gegenüber ist ein Hauseingang. Außerdem parken manche Leute direkt vor dem Eingang. Das ist schon schwieriger zu beantworten. Ebenso die Frage, wie oft die Schlange ihre Richtung ändert, wenn sie sich zuvor wegen des abnehmenden Publikumsverkehrs aufgelöst hat.

Auch Blogger achten auf Abstand.

Ich fürchte, darauf werde ich keine Antwort bekommen. Sicher könnte man die Verkäuferinnen fragen. Aber die haben sicher genug mit den Kunden zu tun. Im Sinne Camus´ wäre es vielleicht, wenn sich ein alter Kauz mit einem Stuhl auf die andere Straßenseite genau gegenüber dem Bäckereieingang postieren und notieren würde, wann sich das Ende der Schlange nach rechts oder nach links bewegt. Dabei könnte er sogar Erbsen zählen oder auf Katzen warten. Vielleicht könnte er in seinem Bericht auch noch die Rushhours eintragen und ob sich mehr Kunden von links oder rechts unserer Bäckerei nähern. Ich würde ihn lesen, den Bericht. Ich würde ihn sogar selbst verfassen, wenn ich ehrlich bin. Leider fehlt mir dazu noch die Zeit. Irgendwann vielleicht, in einer fernen Corona-Krise, wenn die Kinder aus dem Haus sind…

„Dr. Beach“ und ein Vorsatz

Zum Schluss komme ich zu meiner Mutter. Sie mag auch Typen, die anders sind. Der Katzenspucker, der Erbsenzähler und der Schlangen-Rätsellöser würden ihr sicher gefallen. Sie steht auf Keith Richards, David Bowie, George Harrison und Udo Lindenberg. Von letzterem hing ein gerahmtes Poster aus den 70ern auf unserem Gästeklo. Es ist eine Schwarzweißaufnahme. Lindenberg sieht darauf ziemlich gut aus und schaut direkt in die Kamera. Wahrscheinlich haben sich viele Leute unbehaglich gefühlt, wenn sie auf unserem Gästeklo saßen und dabei vom jungen Udo Lindenberg angeglotzt zu werden. Noch wahrscheinlicher hat meine Mutter diese Vorstellung sehr gefallen und sogar dazu bewogen, das Poster genau dort aufzuhängen.

Über den Stones-Gitarristen Keith Richards hat sie Zeitungsartikel gesammelt, die sie mir gerne vorliest, wenn ich sie in Bad Rothenfelde besuche, den Ort, den sie seit ihrer Geburt eigentlich nie verlassen hat. Gut, in Bielefeld hat sie eine kurze Zeit gelebt, da war sie gerade erwachsen geworden, das ist ewig her.  Und in Dissen, aber das zählt nicht, das ist der Nachbarort von Bad Rothenfelde, das im Übrigen südlich von Osnabrück liegt.

Ich habe mit meiner Mutter das „Dr. Beach“ Spiel gespielt, sie also gefragt, an welchem Strand sie jetzt gerne wäre. Und die Antwort kam ohne zu zögern: „Langeoog.“ Wir waren seit den späten 70er Jahren mindestens zwanzigmal auf der Insel. Hier hatte sie ihre kleine Buchhandlung, in der sie sich meist Krimis kaufte, um diese später bei einem Ostfriesentee im stets gleichen Café zu lesen. Auf Langeoog hat sie immer im gleichen Hotel gewohnt. Ein kurzer Weg über die Dünen direkt zum Strand, vorbei am Maler Anselm, von dem ein, zwei Drucke in unserem Haus hingen.

Besondere Typen wie Bowie. copyright@rosehilldesigns

Aber jetzt ist sie nicht auf Langeoog, sondern zu Hause. Ich wäre gerne bei ihr. Heute ist ihr Geburtstag. Ich habe ihr ein Paket geschickt, mit Fotos, die Kinder haben Bilder gemalt für ihre Oma, mit Kreuzworträtseln, viel Schokolade, ohne „Die Pest“, die habe ich ihr schon mal geschenkt und ohne eine Geburtstagskarte mit Keith Richards oder Udo Lindenberg auf dem Cover. Dafür mit David Bowie, immerhin. Vorhin habe ich ihr über Video gratuliert, die Kinder haben „Happy Birthday“ gesungen. Sie ist bei meiner Schwester im Garten und feiert im kleinen Kreis. Nächstes Jahr feiern wir alle zusammen – auf Langeoog, wäre das schön.

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

Ein Kommentar zu “Die Unberechenbarkeit der Schlange

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