Endlich wieder Schule…

„Kleine Sonnen, die aus dem Boden wachsen“ Der Raps strahlt auch an trüben Tagen.

Nach zwei Wochen Ferien geht die Schule wieder los. Nur eben nicht im Klassenzimmer, sondern am Esstisch. Im Kinderzimmer steht ein Schreibtisch. Aber da will das Kind nicht sitzen. Es ist Montag.

20.04. Heute ist ein echter Misttag, Entschuldigung. Ich wollte schon längst einen neuen Blogbeitrag fertig haben, eigentlich am Wochenende schon. An fehlenden Themen liegt´s nicht. Es gibt reichlich. Aber ich komme nicht dazu. Nein, das stimmt nicht. Ich kriege einfach nichts zustande. Seit der Mittagspause habe versucht, eine Geschichte zu erzählen. Es sollte um Badelatschen gehen. Die armen Schlappen waren mir wahrscheinlich zu harmlos, weshalb ich auf Teufel komm raus mit der „deutschen Leitkultur“ in den Beitrag starten wollte. Das war zu ambitioniert und ging völlig in die Hose.

Aber immerhin kommt so das eigentliche Problem zutage: Die Anekdote mit den Badelatschen ist heiter und eigentlich schnell erzählt. Ich bin heute aber so gar nicht heiter. Nullkommanull.

Liegt es am Wetter? Draußen weht ein wuschiger Wind. Noch im Bett fällt mir das auf . Die Zweige der jungen Birke vorm Schlafzimmerfenster biegen sich hin und her. Der Baum hat ausgeschlagen, was ihn gerettet hat. Die Knospen haben sich geöffnet und jetzt wachsen die Blätter. Er steht kurz hinter dem Zaun auf dem Grundstück unserer englischen Nachbarn. Die wollen ihn schon seit Wochen kürzer machen, um einen Kopf mindestens. Ich kann´s verstehen. Er nimmt ihnen mit seiner Blätterpracht viel Sonne. Uns dagegen bietet er keinen Schatten. Er steht westlich zu unserem Garten. Trotzdem mögen wir den Baum, weil morgens Amseln und Kohlmeisen in seinen Zweigen ihr Liedchen schmettern, später dann die Spatzen.

Keine Lust auf „Lernwörter mit H“

Heute schmettert niemand in der Birke, denn heute ist es wuschig windig. Außerdem ist erster Schultag. Das bedeutet, mein Sohn hat zwischen 9 und 15 Uhr Unterricht. Mit mir. Ich habe mir das Ziel gesetzt, in der Schule dauert der Unterricht sogar noch ´ne Stunde länger. Ich weiß, das klingt überambitioniert. Ist es auch. Vor allem, wenn der Bengel, was nach zwei Wochen „Osterferien“ auch ziemlich normal ist, keinen Bock auf „Lernwörter mit h“ hat. Ich wiederum habe keine Lust, den Motivator zu spielen. Und was ich heute am aller wenigsten habe, ist Geduld.

Auf der Bank haben wir nach Schulschluss gepicknickt. Ein Falke jagte über dem Feld.

Dazu kommt meine Tochter. Sie ist, wie gesagt fünf und hatte auch keine Lust – weder auf Barbie, Puppen, Playmobil, Lego, Puzzle oder Hörbuch – sondern nur auf Tablet.  Was soll ich machen? Der Junge soll lernen, also bekommt das Mädchen seinen Willen. Später, am Ende des Unterrichts, habe ich mit den beiden eine Radtour gemacht. Acht Kilometer durchs Frankenland. Mit Station an der Eisdiele als Höhepunkt. Es ist, ehrlich gesagt, auch mein Höhepunkt des Tages.

Am Marktplatz: Hier boxt der Papst im Kettenhemd. Nicht. Immerhin ist die Eisdiele geöffnet.

Fußball spielen ja, Kitas nein

In meinem Freundeskreis regt sich der Unmut über Pläne, die Kitas noch bis August geschlossen zu halten. Ich gehöre mittlerweile auch zu dieser Gruppe. Vor allem, wenn man liest, was schon bald wieder alles möglich sein soll. So könnte – nach Erwägungen von Politikern – die Fußballbundesliga ab Anfang Mai wieder loslegen. Ohne Zuschauer zwar, aber trotzdem. Man fragt sich schon, wie der Mindestabstand von Einem-Meter-Fünfzig im Strafraum einzuhalten sein wird. Wie sieht denn bei einer Ecke aus? Sind Fußballer eigentlich systemrelevant? Es kommt wahrscheinlich drauf an, wen man fragt…

Ich weiß nicht, ob „normale“ Arbeitnehmer für diese Maßnahme Verständnis haben, wenn sie gleichzeitig bis August mit ihren Blagen zu Hause im Homeoffice sitzen. Und überhaupt, was ist eigentlich mit den Kita-Kindern? Es geht in der Diskussion um der Betreuungsfrage bisher ausschließlich um das Wohl der Eltern. Haben die Kinder überhaupt eine Lobby? Stellt sich irgendwer die Frage, was es für ein kleines Mädchen bedeutet, den ganzen Tag mit seinen gefrusteten und zusehends überforderten Eltern zu verbringen, statt mit zehn Gleichaltrigen im Sand zu buddeln oder Stopptanz zu spielen?

Keine Lust auf „Die Pest“

Das ist frustrierend. Es tut mir leid, heute ist ein Meckertag. Auch „Die Pest“ liegt seit Tagen unberührt auf meinem Nachttisch. Ich habe gerade keine Lust zu lesen. Das macht aber nichts. Oran, der Stadt des Geschehens, ist noch monatelang in Quarantäne. Noch ist die Krankheit nicht voll ausgebrochen, noch treffen sich die Protagonisten ganz öffentlich. Cafés und Hotelbars sind weiter geöffnet. Fast könnte man neidisch werden. Fast. Der Journalist Rambert versucht heimlich und illegal aus der Stadt zu kommen. Seine Liebste wartet in Paris auf ihn. Er trifft Leute, die ihm helfen könnten, die Leute kennen, die Leute kennen. Das alles zieht sich über Wochen. Wenige Stunden, bevor die Flucht über die Bühne gehen soll, geht etwas schief. Ein Helfer, der ihn durch das Stadttor nach draußen schmuggeln wollte, kommt nicht. Rambert muss in der Stadt bleiben. Zunächst will er es noch einmal versuchen, wieder Leute treffen, die Leute kennen, die Leute… Stattdessen kommt der Journalist zu dem Schluss, dass es wieder nicht klappen wird. Rambert ist kein Orpheus. Er ist kein Romantiker, der selbst den Tod nicht fürchtet, um zu seiner Geliebten zu kommen. Camus lässt seine Figur einen anderen Weg gehen.

Zum Schluss noch das: Der deutsche Dichter Paul Celan starb heute vor 50 Jahren. Die Umstände sind nicht geklärt. Wahrscheinlich stürzte er sich von der Pont Mirabeau in Paris in die Seine. Celan war ein Jude, sein Vater starb in einem Konzentrationslager, seine Mutter wurde von einem SS-Mann erschlagen. Er selbst kam in ein Arbeitslager, in dem er die NS-Zeit nur knapp überlebte. Zeit seines Lebens hatte der Dichter das Gefühl, seine Eltern im Stich gelassen zu haben. Sein berühmtestes Gedicht ist die „Todesfuge“. Es wurde kontrovers diskutiert. Der Soziologe Theodor W. Adorno war der Meinung, nach Ausschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch. Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Emmerich sagte, die „Todesfuge“ sei „vielleicht das Jahrhundertgedicht“.  

Der Dichter Paul Celan trägt sein Gedicht „Todesfuge“ vor. Er starb heute vor Jahren.

Wir haben das Gedicht in der 12. Klasse ausführlich besprochen. Es hat mich umgehauen. Das tut es noch heute. Darum schreibe ich hier auch darüber. Ich habe den Link oben neulich in einer Facebook-Gruppe geteilt, die sich mit deutscher Literatur beschäftigt. Es gab viele positive Reaktionen. Ein Gruppenmitglied allerdings bezeichnete das Gedicht und Celans Vortrag, als Kitsch. Es ist sein gutes Recht, diese Meinung zu haben. Ertragen muss man das, teilen aber nicht.

Entschuldigung für meine schlechte Laune heute. Morgen wird es wieder heiter. Versprochen.

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

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