Badelatschen und Erinnerungen an Prince, Bowie und die anderen

Was ist deutscher: Flipflops oder Adiletten?

Na also, es geht doch. Der Wind ist zwar immer noch wuschig, die Kinder sind auch noch da, aber meine Laune hat sich verbessert. Aber da ist noch 2016.

21.04. Neulich treffe ich Piet, unseren niederländischen Nachbarn, vorm Haus. Wir quatschen ein bisschen über Corona, die Schule und Fußball. Dann fallen mir zufällig seine Füße ins Auge: Er trägt Flipflops. Das ist nichts Ungewöhnliches. Allerdings stecken sie, also die Füße, noch in Socken. Ich muss grinsen, denn die Socken biegen sich zwischen dem großen Zeh und seinem Nachbarn (hat der eigentlich einen Namen?) um den Steg herum. Bequem sieht das nicht aus, etwas würdelos dazu. Auch Piet muss lachen. Ja, sagt er, wollte nur kurz raus und habe darum die Flipflops angezogen. Ich sage ihm, dass mir das aus Bequemlichkeit auch passieren könne. Das sei wahrscheinlich sogar ziemlich deutsch, weil mir einige Leute einfallen, die so rumlaufen könnten, allen voran mein Bruder.

Piet deutet auf meine Füße und antwortet, eigentlich sei das ja typisch deutsch. Ich trage Adiletten. Das sind seit Generationen die typischen Badelatschen von Fußballern. Ich erinnere mich an einen Mannschaftskollegen. Der hat mal den gerissenen Riemen seiner Adilette mit zwei Kreuzschlitzschrauben an der Sohle befestigt. Das hielt. Meine Latschen sind noch ganz.

Irgendwie gefällt es mir nicht, wennn jemand mich anhand – oder anfuß – meiner Schuhe als „typisch deutsch“ bezeichnet. Ich empfinde mich nämlich überhaupt nicht als „typisch deutsch“. Schon gar nicht meine Fußbekleidung. Ich trage im Sommer ausschließlich Flipflops und zwar ohne Socken. Die Badelatschen trage ich nur im Haus, weil man sie – im Gegensatz zu Flipflops – wunderbar auch mit Socken tragen kann. Wie gesagt, im Haus.

Gott schütze uns

Mein Sohn dagegen trägt gerade weder Badelatschen noch Flipflops, sondern überhaupt keine Schuhe – weder drinnen noch draußen. Socken hat er allerdings immer an. Spätestens zu den Pfingstferien wird er kein einziges heiles Paar mehr haben. Er spielt mit seinen bestrümpften Füßen Fußball, fährt Fahrrad, rennt im Garten und vorne auf dem gepflasterten Hof herum. Drei Paare sind hin, die Sohlen haben riesige Löcher. Ich habe ihm gesagt, dass er keine neuen bekommen wird. Unsere englischen Nachbarn haben mit ihrem Jungen das gleiche Problem. Er trägt auch keine Schuhe, dafür mit Vorliebe Stutzen, was besonders ärgerlich ist, wenn sie kaputtgehen. Naja, vielleicht kann er sie im Winter als Stulpen benutzen. Die Niederländer haben solche Probleme nicht. Ihr Sohn trägt immer Schuhe über seinen Socken. Es sind natürlich Flipflops.

Am Abend grillen wir. Auch die Nachbarn sind in den Gärten. Das Wetter ist herrlich. Ich bin extra im Keller gewesen und meine Flipflops aus dem Winterquartier geholt. Ich trage sie jetzt, nicht ohne Stolz. Ich hatte kurz überlegt, mir auch meinen Panamahut (kein echter allerdings) aufzusetzen. Habe es dann aber doch nicht gemacht. Ist vielleicht doch etwas dicke für einen Mann am Grill im Garten in der fränkischen Provinz. Aber ich trage ein Leinenhemd, immerhin. Ich grüße Piet, den Niederländer, während ich Würstchen, Maiskolben und Halloumi-Scheiben auf dem Grillrost wende. Auf der anderen Seite treten Craig und Fiona, die englischen Nachbarn, an den Zaun. Wir plauschen. Mein Blick fällt auf ihre Füße. Fiona trägt pinkfarbene Adiletten, Craig graue. Zusätzlich trägt er schwarze Socken und eine Shorts. Ich schaue in den königsblauen Himmel, senke den Blick langsam runter zu dem Wäldchen junger, das die allmählich untergehende Sonne mit kräftigen Strahlen durchschneidet und genieße den Moment. Dann hebe ich mein Glas sowie die Stimme und wünsche uns, dass Gott uns alle schützen möge.  

Heute vor vier Jahren starb Prince

Wenn es ums Beschützen geht, war 2016 sicher nicht Gottes bestes Jahr. Trump und der Brexit beschäftigen uns noch heute. Und auch mit einer extrem hohen Zahl Prominenter, vor allem Künstlern, kannte der Allmächtige kein Erbarmen. So starb heute vor genau vier Jahren Prince. Ich weiß noch, wie ich die Nachricht erfuhr. Mein damaliger Chef kam ins Büro. Er ging zu mir hinüber und sagte mit leiser Stimme „Prince has died. The pop singer.“ Dabei schaute er immer wieder mit gefurchter Stirn auf sein Mobiltelefon. Er war auf eine feine, zurückhaltende Art bestürzt. Kurz darauf hatten es auch die deutschen Medien. Alle paar Sekunden brummten die Handys.

Für mich war der Tag gelaufen, weil ich Prince immer toll fand. Ich dachte an Frank, einen ehemaligen Kollegen. Er ist der größte Prince-Fan, den man sich denken kann. Dutzende Male hatte er ihn gesehen, in Städten auf der ganzen Welt. Erst auf den großen Konzertbühnen und dann bei den wohl legendären After-Show-Partys, die der kleine Mann aus Minneapolis heimlich in ausgewählten Clubs gab. Wo diese Auftritte stattfanden, wussten nur wenige Leute. Frank gehörte zu diesen Auserwählten.

Ich war auf dem Weg nach Hause. In Tempelhof wartete ich auf meine S-Bahn. Ich schrieb ihm: „Sometimes it snows in April“. Die Antwort kam sofort: „Das passt leider zu gut.“

2016 ist auch das Todesjahr von David Bowie, Glen Frey, Alan Rickman, Roger Willemsen, Leonard Cohen, George Michael und noch vielen anderen Leuten. Von Bowie´s Tod habe ich morgens im Radio erfahren. In meiner Erinnerung hat mich das mehr berührt als Prince. Keine Ahnung, warum. Vielleicht, weil es so früh am Tag war und sich das ganze Radioprogramm änderte. Alle fünfzehn Minuten ein Bowie-Song. Für die Berliner ist Bowie ja sowieso einer von ihnen. Ich fand ihn immer super, aber Prince mochte ich noch ein bisschen mehr. Man kann die beiden aber auch nicht vergleichen, wie es später in Jahresrückblicken schlaue Musikwissenschaftler getan haben. Für mich waren einfach zwei meiner größten Helden gestorben.

Ein Geschenk vom Nikolaus

Bei Bowie´s Tod dachte an zwei Schulfreunde. Beiden war er schon immer viel wichtiger als mir. J. lebt jetzt im Rheinland. Sie hat drei Töchter, die alle zur Schule gehen und die sie – nach allem, was ich ihrem WhatsApp Status entnehmen kann – gegen aufkommenden Corona-Frust mindestens einmal am Tag durch die gewaltigen Rapsfelder vor ihrer Haustür jagt. Es geht ihr gut. Sie liest den Blog, liebe Grüße an der Stelle.

T. lebt in Berlin und Hessen und hat sogar ein Buch über Bowie geschrieben. Bei unserem letzten Telefonat haben wir über Fußball und „Die Pest“ gesprochen. Wir waren uns einig, sehr bald ein Bier trinken zu gehen, wenn diese Zeit vorbei ist. T. und ich waren zusammen in der Grundschule. Darum kennt er meine Mutter ganz gut, an die ich bei Bowie auch oft denken muss.

Das hat mit dieser Geschichte zu tun: Sie hat mir mal zum Nikolaus – es war 1985, da war ich gerade zwölf – eine Platte geschenkt. Ich war überrascht, weil es eine LP zu sein sein schien. Ein ziemlich üppiges Geschenk für den Nikolaus, schien es mir. Noch überraschter war ich, als ich die Platte auspackte: Die Maxi-Single von „Dancing in the street“ von David Bowie und Mick Jagger lag in meinen Händen. Was sollte ich denn damit? Meine Mutter schien meine Reaktion, meine Enttäuschung, gar nicht wahrzunehmen. Das war ihr völlig egal. Stattdessen sagte sie etwas wie: „Toll, oder? Die wollen wir doch gleich mal anmachen.“ Sie riss mir die Scheibe aus den Händen und spielte sie auf dem Plattenspieler ab. Ich weiß nicht warum, aber sie hat sich die Platte selbst geschenkt, über mich als Umweg. Ich muss sie mal fragen, warum. Sie ist der größte Stones-Fan aller Zeiten. Und wenn Bowie noch das dazukommt, umso besser. Der Song ist typisch 80er Jahre. Nicht schlecht, aber weiß Gott nicht das Beste, was die beiden gemacht haben.

Zwei Große verabschieden sich auf unterschiedlichste Weise

Zu George Michael werde ich irgendwann noch einmal etwas sagen. Jetzt möchte ich mit Leonard Cohen aufhören. Es gibt einen großen Unterschied zu den anderen Musikern, die im Jahr 2016 gestorben sind. Anders als Prince, Glen Frey und George Michael hat Cohen seinen Tod kommen sehen. Er war sterbenskrank. Er hatte aber noch die Energie für ein letztes Album: „You want it darker“. Das Gleiche gilt auch für David Bowie. Sein Abschiedswerk heißt „Blackstar“.

Beide Alben sind klasse: Schlussstriche, Abgesänge auf das Leben und sich selbst, aber grundverschieden. Die zwei Musiker sehen ihrem Ende auf unterschiedlichste Weise entgegen. Das zeigt sich am klarsten, wenn man sich die Single-Auskopplungen anhört. In „You want it darker“ macht Cohen, der Jude ist, seinen Frieden mit Gott: „Du willst es dunkler, also löschen wir die Flamme.“ Es gibt keinen Widerspruch. Coehen hat seinen Frieden gefunden. Er ist bereit und wartet. Die Musik hat etwas Sakrales, der Song klingt wie ein Gebet. Düster zwar, aber versöhnlich. „Hineni, hineni“, singt der Chor. Das ist hebräisch und bedeutet; „Ich bin hier“. Cohen versteckt sich nicht und geht – ohne Groll.

Wie schwer hat es dagegen David Bowie? In seinem „Lazarus“ steckt so viel Angst, so viel Ungewissheit, vor dem, was kommen wird. Bowie weiß nicht, wo er ist. Ein Teil wäre schon gerne im Himmel und hätte seinen Frieden gefunden. Der andere aber wehrt sich und schreit, dass er in Gefahr ist. Es klingt wie: „Hilfe, sieht mich denn niemand?“ Gleichzeitig gibt es sogar noch eine weitere Hoffnungsebene: Lazarus wurde von Jesus vom Tod auferweckt. Ob Bowie diese Hoffnung auch hat? So oder so: Der Song wird fast unerträglich. Man will hineinsteigen und ihm helfen. Dazu passt diese unglaublich gute Musik, die langsam beginnt, dann ansteigt und immer dramatischer und verzweifelter wird. Es wollte sich sich losreißen. Am Ende steigen die Bläser nach langem Kampf nach oben auf und verschwinden, wie es scheint.

Ich wünsche dem großen Bowie, dass er seinen Frieden gefunden hat und im Himmel gelandet ist. Vielleicht spielt er dort mit Prince, Cohen und den anderen in einer Band.

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

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