Eine Mutter und ein Wunder im Krieg

Eine Empfehlung zum „Welttag des Buches“: Dieses kleine Meisterwerk habe ich durch diesen Blog wiederentdeckt. Es erschien im Piper Verlag München.

Heute ist „Welttag des Buches“. Ich bin ja eher der Fußball- als der Lese-Typ. Wenn es denn überhaupt Leute gibt, die zu einhundert Prozent nur ein Typ sind. Allerdings wird mir durch diesen Blog klar, dass mir Bücher wichtiger sind als ich dachte.

23.04. Als ich neulich etwas über Paul Celan schrieb, bin ich an einem Namen hängen geblieben. Durch einen Sprung von der Pariser Brücke Pont Mirabeau soll der Dichter sich das Leben genommen haben. Das ist schaurig. Die schaurige Geschichte hat aber ihr Gutes: Denn so habe ich mich an ein schönes, kleines Buch erinnert: „Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine“, von der belgischen Schriftstellerin Madeleine Bourdouxhe. Das möchte ich am „Welttag des Buches“ kurz vorstellen.

Es ist eine autobiographische Geschichte. Sie spielt im Jahr 1940, mitten im 2. Weltkrieg. Eine junge Frau bringt in Brüssel ihr Kind zur Welt, muss aber schon am nächsten Tag vor den Nazis nach Frankreich flüchten. Sie ist auf sich allein gestellt – mit ihrem Neugeborenen. Auf der Ladefläche eines überfüllten Lastwagens liegt sie, das Baby im Arm. In der Ferne detonieren Bomben. Auf der Suche nach der nächsten Unterkunft begegnet sie immer wieder Solodaten. Beim Lesen hatte ich auf jeder Seite Sorge, dass ihr etwas zustößt. Wie es ausgeht, verrate ich nicht, nur so viel: Es ist wunderschön zu erfahren, welche Kraft die junge Frau aus der Geburt und ihrem Kind schöpft. Ihre Persönlichkeit thront über den Grauen des Krieges um sie herum.

Madeleine Bourdouxhe1953. Das Foto ist vom Umschlag des Buchcovers (Piper).

Die Erzählung erschien 1944 und wurde erst Ende der 1990er Jahre zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt. Von Madeleine Bourdouxhe habe ich außerdem noch „Gilles´ Frau“ gelesen. Auch diese Geschichte kann ich unbedingt empfehlen.

Ein Italiener schreibt wunderbare Geschichten, die in Portugal spielen

Gerade hat der Postmann geklingelt. Einmal. Es war eine Buchsendung. Ist es wirklich Zufall (oder Fügung), dass die Welt heute den Tag des Buches feiert? Zurück zum Text: Bei Online-Antiquariaten habe ich kürzlich drei Ausgaben von „Lissabonner Requiem“ von Antonio Tabucchi bestellt. Das Buch ist im normalen Handel derzeit vergriffen, wie ich bei unserer Bücherei hier im Ort erfahren habe. Zwei andere Romane Tabucchis waren lieferbar: „Erklärt Pereira“ und „Der verschwundene Kopf des Damasceno Monteiro“. Alle drei Erzählungen haben ihren eigenen Zauber und sind völlig unterschiedlich. Ich habe sie mehrfach gelesen, immer mal wieder zwischendurch. Sie sind alle nicht besonders lang.

Dreimal Tabucchi: Zum ersten Mal ist eine gebundene Ausgabe (Hanser) dabei. Normalerweise bestelle ich schönen Taschenbücher (dtv)

„Der verschwundene Kopf…“ ist ein Krimi. Ein junger Reporter geht dem merkwürdigen Tod eines Mannes nach, für den sich sonst niemand interessiert. Er muss dazu sein geliebtes Lissabon verlassen, denn die Sache hat sich auf einer Polizeiwache in Porto abgespielt. Der Reporter hat weder Lust auf den Auftrag noch auf Porto, ist aber dazu gezwungen, weil er Geld braucht. Die alte Stadt im Norden Portugals entpuppt sich dann aber als wesentlich freundlicher als gedacht. Er begegnet einer Reihe interessanter und ungewöhnlicher Figuren: einem alten Zigeuner, einer Pensionswirtin und einem adligen Anwalt, der die Schwachen und Benachteiligten vertritt. Alle scheinen mehr zu wissen, als sie sagen möchten.

„Erklärt Pereira“ ist das bekannteste Buch Tabucchis. Der Roman wurde mit Marcello Matroianni verfilmt.

„Erklärt Pereira“ ist das bekannteste Buch Tabucchis. Die Geschichte wurde mit Marcello Mastroianni verfilmt, wie man auf dem Cover sieht. Sie spielt im Jahr 1938 und zeigt, dass auch andere Länder als Deutschland ein dunkles Kapitel mit dem Faschismus haben, was sie aber gerne verdrängen. Der Erzählstil fällt sofort auf, denn Dr. Pereira erklärt und erklärt sich durch das ganze Buch. Vor allem erklärt er, dass er als Leiter des Feuilletons einer kleinen Lissabonner Zeitung mit der Politik überhaupt nichts am Hut haben möchte. Zunächst ignoriert er den schärfer werdenden Wind, der durch die Straßen und Häuser seiner Heimatstadt weht, entfacht vom aufkommende Unrechtsregime Salazars. Erst als ein junger Mann, den Pereira als freien Mitarbeiter engagiert hat und der sich gegen die Faschisten wehrt, zunächst wochenlang verschwindet und dann plötzlich ausgemergelt und verängstigt nachts in seiner Wohnung auftaucht, muss sich Pereira vor sich selbst erklären.   

Eine Halluzination und eine wunderbare Geschichte: Der Erzähler wandelt durch ein Lassabon, das es so heute nicht mehr gibt.

Das dritte Buch ist das „Lissaboner Requiem“. Der Untertitel lautet „Eine Halluzination“ und das ist nicht übertrieben. Der Ich-Erzähler verbringt 12 Stunden in der glühend heißen Stadt. Er begegnet dabei Menschen aus der Gegenwart und seiner Vergangenheit, Lebenden und Verstorbenen. Der Höhepunkt soll das Treffen mit dem Schriftsteller Fernando Pessoa (der schon lange tot ist) um Mitternacht am Hafen sein. Er versucht eigentlich nur die Zeit bis dahin zu überbrücken. Dabei begegnet unser Erzähler „normalen“ Leuten wie einem Losverkäufer, einer Zigeunerin, einer Prostituierten, einem Barmann und einem Maler. Diese kleinen, zufälligen Begegnungen sind wunderbar. Der Erzähler besucht dabei Orte, die so wahrhaftig wie zauberhaft sind. Sie beschreiben eine Stadt, die es so heute sehr wahrscheinlich nicht mehr gibt, die diesen besonderen Zauber inzwischen eingebüßt hat. Das Buch ist 1991 erschienen. Deshalb hat Tabucchi wohl auch den Titel so gewählt. Es ist übrigens sein einziges Buch, das er in portugiesischer Sprache geschrieben hat.

Taschenbücher sollten wandern und nicht im Regal stehen

Meiner Meinung nach sollten Geschichten nicht in Regalen verstauben, sondern gelesen werden. Darum bestelle ich Tabucchis Bücher immer wieder nach oder kaufe sie in einem Antiquariat. Und verschenke sie wieder. Heute schicke ich ein Paket nach Berlin. Es ist für meine Tanten. Mit der jüngeren habe ich neulich telefoniert. Sie hat mir ein Foto von dem Haus im Stadtteil Schöneberg geschickt, in dem David Bowie mal gewohnt hat. Es geht ihr gut, sagt sie. Nur die gemeinsamew Bewegung in ihrer Sportgruppe, die fehle ihr.

Selbst in dieser Geschichte hat Bowie seinen Platz: Meine Tante hat das Berliner Haus fotografiert, in dem er in den 70ern lebte.

Zum Schluss möchte ich Matthias erwähnen und danken. Wir kennen uns seit einem Zeltlager 1984. Er war Gruppenleiter und ich in seinem Zelt. Matthias hat irgendwann in den 90ern die Buchhandlung in meinem Heimatort übernommen. Er hat mir Antonio Tabucchi, Marlene Bourdouxhe und auch „Die Pest“ empfohlen. Ohne ihn hätte ich diese Bücher wahrscheinlich nie gelesen. Allerdings habe ich mit Matthias immer auch viel Fußball gespielt. Ein eigener Fußball-Beitrag kommt auch noch.

PS. Wegen der unscharfen Fotos: Das neue Telefon ist bestellt.

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: