Ein Füller muss her, Geschwisterneid und ein Hoch auf Holland

Deutschland macht einen Schritt zurück in die Normalität. Die Geschäfte öffnen wieder. Meine Kinder und ich sind gleich mittendrin in unserem fränkischen Mikrokosmos.

Auf zum ersten Einkauf seit langem. Selbstverständlich mit Masken.

27.04. Nein, Montag sind wirklich nicht meine Lieblingstage. Den Kindern geht´s genauso. Unser Junge, der Zweitklässler, spielt an Montagen immer besonders eifrig mit seiner Schwester, dem Kindergartenkind. Als wolle er vergessen, dass gleich wieder Schule ist und Papa wieder Lehrer spielt (spielen muss). Ich bin kein besonders guter Lehrer für meinen Sohn. Zu ungeduldig, zu fordernd.

Im Fußballverein ist es genauso. Da bin ich auch kritischer mit ihm als mit anderen Jungs. Ich weiß das und kann das überhaupt nicht an mir leiden. Beim Fußball gibt´s aber ´ne Lösung, da sind wir vier Trainer-Väter. Die anderen drei stoßen, wenn man ehrlich ist, mit ihren Jungen manchmal auch an ihre emotionalen Grenzen. Falls es zu Knatsch zwischen Vater/Trainer- und Sohn/Spieler kommt, übernimmt einfach ein anderer Vater. Das klappt ziemlich gut. Aber in Corona-Zeiten gibt es nur mich. Ich bin alternativlos, leider.

Ein Pferdestall für Dino, Einhorn und Co.

Es rührt mich also, wenn mein Junge für seine Schwester aus Lego-Duplo einen Stall für ihre Schleich-Pferde baut. Das sind Spielsachen, für die er eigentlich schon zu alt ist, aber mit denen er immer wieder gerne spielt, als erinnerten sie ihn an unbeschwerte Tage. Mein Gott, was rede ich, das Kind ist sieben…

Mit der guten, alten Nähmaschine: Meine Frau ist ins Masken-Game eingestiegen…
Und wie! Aus einem alten Band-T-Shirt werden irre coole Corona-Blocker.

So schlimm ist es auch nicht. Man muss sich anpassen, das Beste aus der Situation machen. So wie meine Frau. Seit heute gilt bei uns in Bayern Maskenpflicht, ohne darf man nicht einkaufen. Darum hat die Gute am Wochenende ihre Nähmaschine aus dem Keller geholt, sich ein Tutorial auf YouTube angesehen und dann Stoffmasken für uns genäht. Aus alten T-Shirts und Sportklamotten. Passend für alle in unterschiedlichen Größen. Weil es in keinem Drogeriemarkt weit und breit auch nur ein einziges Gummiband gibt, hat sie zum Befestigen Schnürsenkel und alte Bänder aus Kapuzenjacken genommen. Das alle klappt super, die Masken sind richtig schick. Sogar für die Nachbarn macht sie welche.

Der Füller und ein übereifriger Mann

Unsere Masken müssen heute sofort ihre Feuerprobe bestehen. Wir müssen in die Stadt, der Junge braucht einen Füller. Sie lernen jetzt damit zu schreiben. Von wem lernt mein Junge das? Von mir, demselben Mann, der ihm auch das Multiplizieren beibringt. Das geht nämlich auch gerade los. Ehrlich, ich fühle mich damit überfordert. Naja. Jetzt machen wir erst einmal Pause. Wir gehen runter in die Stadt und die Kinder setzen schon beim Verlassen des Hauses stolz die Masken auf, die ihre Mutter genäht hat.

Blumen am Marktplatz.

Der kleine Schreibwarenladen liegt direkt am zentralen Platz. Er führt neben Schulutensilien auch Bücher und Spielwaren. Das Geschäft hat etwas altmodisches. Jeder mag solche Läden, aber nicht jeder hat so einen Laden noch in seinem Ort.

Drinnen ist ziemlich viel los. Alle tragen Masken. Den Verkäufern merkt man an, dass sie erleichtert sind wieder arbeiten zu können. Der Chef ist besonders emsig, allerdings übertreibt er es mit dem Eifer. Wir wenden uns an eine Verkäuferin. Ich erkläre ihr, dass mein Sohn einen Füller benötigt. „Ja, gerne“, sagt sie und bittet uns zu einem kleinen Tisch. Aus diesem holt sie ein Kästchen mit einem Glasdeckel hervor. Rund fünfzehn unterschiedliche Füller stecken darin. Sie öffnet das Kästchen und fragt meinen Sohn dabei, mit welcher Hand er schreibt. Nach der Antwort des Rechtshänders holt sie sechs Stifte heraus. „Dann probiere mal, schreib am besten `hallo´ und deinen Namen.“ Der Junge beginnt zu schreiben und ich bin verblüfft. Er geht behutsam mit dem Gerät um, drückt nicht zu fest, die Feder schwingt elegant über das Papier. „Der ist gut,“ sagt er. Wir probieren die anderen fünf auch noch, aber Füller „Nummer eins“ soll es sein. 

Weil die Kinder heute ziemlich gut mitmachen und im Grunde arme Mäuse sind und die Leute vom Laden auch, bekommt jeder noch ein Schleich-Tier: Ein Pferd und einen Ankylosaurus. Zudem nehme ich ein 500-Teile-Puzzle mit. Das Motiv zeigt ein Pferd, das über eine Weide galoppiert. Im Hintergrund ist ein Wald. Meine Tochter findet das Puzzle super und mich freut´s auch. Denn mich lässt es an Grand denken, eine Figur aus „Die Pest“. Grand schreibt seit Jahrzehnten an einem Roman, kommt aber nicht über den ersten Satz hinaus. In diesem einen Satz lässt er eine Stute durch den „Bois de Boulogne“ laufen.

500 Teile hat das Pferdepuzzle, eine Herausforderung für meine Tochter und mich. (Copyright Ravensburger)

An der Kasse ist ein Stau. Offenbar hat sich die Verkäuferin, es ist die von der Füllerberatung, vertippt. Sie redet mit einer Kundin. Schräg daneben steht der Chef und mischt sich ein. Was sie sagen, kann ich nicht richtig verstehen. Die Verkäuferin ist genervt. Nicht von ihrem Fehler, sondern vom Chef, der jetzt an die Kasse getreten ist und irgendetwas zeigt. Du Kundin ignoriert ihn und redet konsequent nur mit der Verkäuferin. Ich bin sicher, die beiden Frauen wären schon dreimal fertig, wenn er sie hätte machen lassen. Die Schlange an der Kasse wird länger.

Eine sehr kleine, grauhaarige Frau betritt das Geschäft. Sie hat eine absurd lange Mikrofonstange in der Hand. Der Schaumstoffschutz des Mikros ist in Folie eingewickelt. Sie bleibt links neben der Kasse stehen und sagt zum Chef: „Herr E., ich wäre jetzt da. Haben sie Zeit für ein Interview?“ Der Mann verharrt in seiner Bewegung und überlegt. Damit hält er den ganzen Verkehr weiter auf. Die Verkäuferin kann nicht weitermachen. Schließlich trifft er eine Entscheidung und schickt zu meiner großen Überraschung seine Mitarbeiterin zu der Mikrofon-Frau. Offenbar soll sie das Interview machen. Dadurch ist er mir auf einmal dreimal sympathischer. Die Kundin mit dem falschen Bon ist auf einmal schnell bedient. Auch die nächste in der Reihe bezahlt, bedankt sich und schon sind wir dran. Der Mann tippt die Artikel ein, muss bei dem Ankylosaurus kurz den Preis überprüfen. „Sie sind auch froh, dass sie wieder arbeiten können, oder?“ „Da können sie aber sicher sein. Nur an diese Masken, an die muss ich mich noch gewöhnen, man erstickt ja. Ich muss gleich mal an die frische Luft.“     

Draußen vor dem Geschäft steht ein ziemlich großer, grauhaariger Mann mit einem Stativ, auf dem eine winzige Kamera befestigt ist. Ich nicke ihm zu, gehe über den Platz, nehme die meine Maske ab und fordere die Kinder auf, ihre abzusetzen.

Geschwister-Chat

Am Freitagabend haben meine Geschwister und ich über Video gechattet. Natürlich ging es hauptsächlich um Corona und die Folgen. Meine Schwester hat seit März die Leitung der Kita übernommen, in der sie seit über zehn Jahren arbeitet. Sie hat sich ihren Start anders vorgestellt, denn der ging praktisch mit Corona einher. Jetzt muss sie Notbetreuungen organisieren, verzweifelte Eltern trösten und die Pandemie-Maßnahmen zwischen Träger und kommunaler Verwaltung absprechen. Mein Bruder ist – anders als sonst – viel im Homeoffice. Er berät Baufirmen. Im Ganzen geht es beiden aber gut, so mein Eindruck. Im Bild meiner Schwester taucht im Hintergrund immer wieder ihr Mann auf. Eigentlich möchte er mit den beiden Jungs im Garten zelten. Es ist bei uns chaotisch wie immer. Ich wollte in keiner anderen Familie leben.

Video-Konferenz mit Schwester und Bruder. Eine Sache nervt…

Was mich an meinen Geschwistern aber nervt: Sie sind in der Corona-Zeit echte Sportskanonen geworden und halten damit auch nicht hinterm Berg. Meine Schwester schafft es trotz Job und zwei Kindern, regelmäßig laufen zu gehen und außerdem täglich an einem Hardcore Trainingsprogramm auf YouTube teilzunehmen, was größtenteils aus Planks besteht. Für die Ahnungslosen wie mich: Planks sind die neuen Liegestütze. Sie stählen den Rumpf und sind unglaublich anstrengend. Meine Schwester hat neulich in unserem Familienchat ein Bild von sich gepostet, das ihren ohnehin schon durchtrainierten Körper mitten in einer dieser Planks-Übungen zeigt. Zu dem Foto schrieb sie: Jetzt trinke ich erstmal ein alkoholfreies Hefeweizen. Beim Lesen dieser Nachricht betrachtete das Hefeweizen mit Alkohol vor mir. Außerdem konnte ich mich beim besten Willen nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal ähnlich sportlich aktiv war.

Mein Bruder, der Sack, rennt täglich zwischen 15 und 25 Kilometer durch die Wälder Ostwestfalens. Wahrscheinlich kennt ihn inzwischen jede Wildsau. Anschließend macht er einen Screenshot von seinem Ergebnis und teilt so seine abnormalen Zeiten und den unwahrscheinlichen Kalorienverbrauch mit uns. In dem Videochat sagte er, dass ihm seine Hosen nicht mehr passten und fragt mich wenig subtil, ob ich sie haben möchte. Blödmann…

Trotz allem: Es ist schön, die beiden wieder zu sehen, auch wenn es nur auf dem Laptop ist. Ich vermisse sie, das wird mir klar. Aber am Anfang ist es zu wuselig, um das einmal klar zu sagen und später irgendwie zu spät. Ich glaube aber, dass es jedem von uns so geht.

Oranje boven

Wieder zu Hause spielen die Kinder mit ihren neuen Schleichtieren. Ich hänge Wäsche im Garten auf. Bei den niederländischen Nachbarn ist einiges los. Piet befestigt eine Nationalflagge in rot-weiß-blau am Trampolin. Ich wundere mich. Kurze Zeit später folgt die Aufklärung: Fiona, die englische Nachbarin, wünscht den Holländern im Nachbarschafts-Chat einen schönen Königstag. Jetzt verstehe ich auch das einheitliche Orange der T-Shirts, in denen die Nachbarskinder auf dem Trampolin hüpfen. Ich google und erfahre, dass die Niederländer den Königstag immer am Geburtstag des jeweiligen Throninhabers feiern. König Alexander hat eben am 27. April Geburtstag. Für die Ausnahme dieser Regel sorgte seine Königin Beatrix. Sie beließ den Königinnentag am 30. April, dem Geburtstag ihrer Mutter, Königin Juliana. Das hatte einen ganz pragmatischen Grund: an ihrem Geburtstag, dem 31. Januar, war das Wetter meist ziemlich mies und da lässt sich nicht so gut feiern.

Heute scheint die Sonne. Auch Piet und seine Frau Ankie tragen orange. Er ein T-Shirt und sie einen lustigen Hut und eine Sonnenbrille. Das alles wirkt lässig, unbeschwert und vor allem nicht bierernst. Ich frage mich, wann wir Deutschen das mal so hinbekommen. Bei uns wirken schwarz-rot-goldene Fahnen in Gärten auf unterschiedlichste Weise – am wenigsten aber harmlos oder gar lässig. Es ist mir aber nicht wichtig. Solange wir das nicht hinkriegen, freue ich mich über das Orange der anderen.

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

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