Hochzeitstag (Erinnerungen an Kreta)

Die Bundesregierung hat die Reisewarnung bis Mitte Juni verlängert. Wir hatten ihn zwar eh schon abgeschrieben, aber damit fällt unser Pfingst-Urlaub Zeit auch offiziell aus. Corona-Zeit ist Erinnerungszeit.

Chania

30.04.2020 Gerade an Tagen wie diesen muss man sich erinnern. Das gilt vor allem für meine Frau und mich, denn vor elf Jahren haben wir geheiratet. Die Hochzeit fand im Garten des Mehrfamilienhauses in Osnabrück statt, in dem wir wohnten. Es war keine typische „Weiße Hochzeit“, sondern eine Party ohne viel Tamtam. Es gab Gutes vom Grill und jede Menge kühle Getränke. Aber es war ein rauschendes Fest. Ein Freund erzählt noch heute, es sei die einzige Hochzeit gewesen, auf der er mit „Rage against the machine“ begrüßt wurde. Staatsanwälte und Richter ließen fliegende Lampions in den Himmel steigen, was streng verboten ist und Studienfreunde überraschten uns mit einem Livekonzert. Es war großartig.

Anschließend stand die Hochzeitsreise an. Wir flogen nach Kreta. Bei der Landung regnete es in Strömen. Wir fuhren ins Hotel, einen Fünf-Sterne-Bunker, den wir zu einem Schnäppchenpreis bekommen hatten. Schon bei der Ankunft wussten wir, warum. Es gab zwar drei Auffahrten, aber kein einziges Schild wies den Weg zur Rezeption aus. Als wir sie nach mehrfachem Nachfragen schließlich fanden, gab es keine Zimmerschlüssel. Es war absurd. Das ganze Hotel blitzte vor Marmor und teurem Holz, das Personal trug je nach Geschlecht, blitzblanke funkelnagelneue Kostüme oder Anzüge, wusste aber nicht so recht, was es tun sollte.

Traumhotel mit Alptraum-Service – egal

Uns war´s egal. Wir hatten ein tolles Zimmer und einen Privatpool, den wir uns mit dem Nachbarapartment teilten. Außerdem war das Hotel nur die erste Station: Den Großteil des Urlaubs sollten wir in einem weniger touristischen Teil der Insel verbringen, in unberührter Natur.

In dem Hotel klappte nichts. Beim Abendessen gab es drei Manager, die alle schicke Abendanzüge trugen und nichts taten, außer wichtig in der Gegend herumzustehen und die zu wenigen überforderten Servicekräfte zu schikanieren. Am Büfett gab es lange Schlangen ungehaltener Gäste, weil die Köche mit dem Essen nicht nachkamen und leere Tische nicht abgeräumt wurden. Wir schüttelten ständig den Kopf und lachten viel, etwa, als uns eine Dame an der Rezeption mit den Worten „Versuchen sie es mal damit“ einen Werkzeugkoffer mitgab, weil wir unseren Tresor nicht öffnen konnten. Ich kam mir vor wie ein Panzerknacker. Wir sahen das alles, aber es machte uns nichts aus. Auf Hochzeitsreise ist man nur einmal im Leben (toi toi toi).

Ich kann mich erinnern, dass sich an einem wunderschönen Morgen eine Ameisenstraße direkt in den Speisesaal aufmachte, um das Frühstücksbüfett zu plündern. Einer der Manager forderte daraufhin eine Kellnerin auf, die dreisten Kriecher aufzuhalten. Und das tat sie dann auch: Nach dem Motto „Viel hilft viel“ hielt die Frau mit einem chemischen Insektenspray gnadenlos drauf, während einen Meter daneben eine kinderreiche Familie das Schauspiel Croissants kauend verfolgte. Die Kellnerin war so konzentriert, dass sie nicht bemerkte, wie die Ameisen sie einfach umkurvten und ihren Weg Richtung Büfett fortsetzten.  

Warum lernen Pärchen in Hotels immer Pärchen kennen?

Wir machten Bekanntschaften. Es ist wahrscheinlich normal in solchen Hotels, dass man Leute kennenlernt , ohne es darauf angelegt zu haben. Bei uns waren es zwei Pärchen, ebenfalls aus Deutschland. Was Alter und Lebensphase betrifft, waren wir sehr unterschiedlich. Die beiden Jüngsten in der Runde waren Anfang zwanzig. Es war ihr erster gemeinsamer Urlaub. Sie fanden einfach alles toll: Den Pool, den Ausblick, das Essen, die freien Getränke. Über den eher miesen Service verloren sie genau wie wir kein böses Wort.

Die beiden Ältesten im Bunde waren mindestens schon so alt wie wir jetzt und noch länger verheiratet. Sie waren sehr unterschiedlich. Er arbeitete bei einem Maschinenhersteller und war beruflich viel unterwegs, auch im Ausland. Sie dagegen hatte sich auf einen chilligen Luxusurlaub mit Wellness und Sonnenbaden gefreut und war dem entsprechend unzufrieden mit dem Service. Trotzdem war sie mir sympathisch, noch mehr aber ihr Mann. Als wir ihm erzählten, dass wir noch eine zweite Station haben und diese wesentlich mehr Ruhe und einfacheres Leben versprach, wurde er nachdenklich. Er hat es nicht gesagt, aber ich glaube, er wäre am liebsten mitgefahren und hätte das Luxushotel (und vielleicht sogar seine Frau?) hinter sich gelassen.

Eine Wand in Rethymnon. Mindestens genauso bunt ist Kreta.

An die Stimmung an unserem letzten gemeinsamen Abend kann ich mich gut erinnern. Weil es draußen immer noch zu kalt und ungemütlich war, saßen wir in der Bar zusammen. Es war ein schöner, gemütlicher Raum, mit schweren Ledermöbeln und Barmusik. Es gab reichlich Ouzo, zum letzten Mal in diesem Urlaub (denn der Kreter trinkt ja Raki). Wir unterhielten uns, lachten viel und im Nebenraum wurde es plötzlich laut, als Andres Iniesta das zweitwichtigste Tor seiner Karriere erzielte, mit dem der FC Barcelona gegen Chelsea ins Champions League Finale einzog. Michael Ballack, damals Kapitän der Nationalmannschaft, holte schon wieder keinen Titel.

Am nächsten Morgen war das Wetter blendend. Als wir aufbrachen, verabschiedeten uns alle vier am Hotelparkplatz und winkten uns nach. Es war wirklich nett. Leider habe ich keinen einzigen Namen behalten. Irgendwo haben wir sie notiert, aber wahrscheinlich die Zettel verloren. So ist das ja oft mit Urlaubsbekanntschaften.

Der wunderbare Michalis

Nach anderthalb Stunden Fahrt erreichten wir unsere zweite Station: Vamos. Der Name klingt zwar so, aber mit „a la Playa“ und Highlife hat der Ort wenig zu tun. Vamos ist der Hauptort der Apokoronas-Halbinsel und liegt mitten im hügeligen Grünen. Dafür, dass wir uns nicht über den fehlenden Service in der ersten Unterkunft aufgeregt haben, wurden wir jetzt belohnt. Zunächst sah es aber nicht danach aus. Als wir unsere zweite Bleibe erreichten, ein schönes, großes, altes Haus mit mehreren Wohneinheiten, war kein Mensch zu sehen. Unsere Rufe blieben unbeantwortet. Ich ging durch einen wunderbawilden Garten zu einem kleinen Häuschen im hinteren Teil des Grundstücks. Alles ruhig. Ich rief erneut und klopfte an. Ein grauhaariger Mann öffnete mir. Sein Haar war verwuschelt, er hatte geschlafen. Ich dachte, so müsste die Neubesetzung von Alexis Sorbas aussehen. Er stellte sich als Michalis vor und sagte, er brauche zwei Minuten.

Irgendwo… ziemlich allein und wunderbar.

Wer jetzt denken sollte, typisch faule Griechen, die verpennen den ganzen Tag, ist völlig auf dem Holzweg. Wie wir nach und nach erfahren sollten, bewirtschaftet Michalis sein Haus allein. Außerdem hat er ein kleines Stück Land mit Hühnern und Ziegen und einen Job als Kellner. Er arbeitete jeden Tag von früh bis tief in die Nacht.

Nachdem Michaelis wach war, was etwas länger als zwei Minuten dauerte, führte er uns durch die Anlage. Es gab einen großen Pool, eine schattige Terrasse sowie eine gemütliche Sitzecke unter einem prächtigen Johannesbrotbaum. Und das Beste kam noch: Wir hatten das alles für uns allein: Die anderen drei Apartments waren nicht vermietet.

Die Führung endete in der Küche. Michalis hatte frisches Obst besorgt und den Kühlschrank mit Gemüse aus dem eigenen Garten sowie Eiern befüllt – einfach so. Zum Schluss griff er feierlich zu einer Kristallflasche und holte aus einer Vitrine drei Schnapsgläser, die er geschickt füllte. „Raki“ sagte er, hob sein Glas und rief „Jamas“ und schwups war das Glas leer. Auch wir tranken unseren Raki. Er war herrlich, kein Vergleich zum Ouzo. Ruckzuck waren die Gläser wieder voll und erneut hieß es „Jamas“. Ich weiß nicht, wie viele Gläser wir tranken. Zum Schluss sagte Michalis, wir sollten reichlich davon trinken, er würde ihn selber herstellen, sein Raki sei die beste Medizin und er werde immer für Nachschub sorgen. Dann ging er.

Der Hafen von Chania, die Königin der kretischen Städte.

An den nächsten Tagen bleiben wir am Haus, es war einfach zu schön. Abends gingen wir regelmäßig in Tavernen in der Nähe oder fuhren mit dem Auto runter in den Badeort Kalives. Es gab einfaches, aber sehr gutes Essen. Am Pool leisteten uns regelmäßig Hornissen und andere Insekten Gesellschaft, woran wir uns nur langsam gewöhnten. Nebenan hörten wir Schafe und Ziegen und manchmal kreiste ein Raubvogel am Himmel. Aber sonst waren wir ganz allein.

Natürlich lagen wir nicht nur am Pool, sondern machten viele Ausflüge. Als wir eines Morgens zum Traumstrand Elafonissi im Südwesten der Insel aufbrechen wollten, stand Michalis am Pool. Er schaute zu uns rüber, machte mit der Hand eine Geste wie ein Zirkusdirektor und sagte: „Taliban“. Im selben Moment kamen etwa acht bis zwölf Jungen im Teenageralter und in Badehosen anmarschiert und sprangen in den Pool. Es war die Schulklasse seines Sohnes, die offenbar einen freien Tag hatte. Wir schüttelten uns vor Lachen und Michalis fragte, ob das für uns okay sei. Natürlich war es das. Michaelis überraschte uns immer wieder, mit seiner herzlichen Art, einem kuriosen Spruch oder frischem Gemüse. Er war gastfreundlich, witzig und hilfsbereit. Jemand, den man gern hat.

Chania, Samaria und kretische Busfahrer

Wir besuchten in diesem Urlaub auch Chania, die schönste Stadt der Insel, den Falassarna-Strand und wanderten durch die Samaria-Schlucht. Das alles sind bekannte touristische Ziele auf Kreta, allerdings zurecht, weil sie einfach wunderschön sind. Über Chania könnte ich ein eigenes Buch schreiben, die Stadt ist zauberhaft, hat aber auch einige dunkle Kapitel in ihrer langen Geschichte. Am zentralen Omnibusbahnhof von Chania starteten wir ganz früh morgens zur Omalos-Hochebene, dem Ausgangspunkt der Samaria-Wanderung. Mit dem Linienbus geht´s hinauf. Ich bin seit langem der Meinung, dass es auf der Welt keine besseren Autofahrer gibt als kretische Busfahrer. Sie schaffen es, sich beim Entgegenkommen in Haarnadelkurven zu grüßen, während sie – das Handy in der anderen Hand – mit der Ehefrau telefonieren.

In Falassarna fühlen sich alte Männer wie im Freibad 1985.

In der Omalos-Hochebene war Endstation, von da aus geht es nur zu Fuß weiter. Wir tranken noch einen Kaffee, ehe wir uns an den Abstieg machten. Direkt gegenüber dem Eingang zur Schlucht thront der Gingilos, ein über zweitausend Meter hoher Berg. Beim Einstieg vor elf Jahren war sein Gipfel noch Schnee bedeckt.

Es gebe noch einiges zu erzählen von unserer Hochzeitsreise, aber damit will ich es belassen. Diese Reise war prägend. Seit elf Jahren fahren wir regelmäßig nach Kreta, auch unsere Kinder lieben es. Dieses Jahr hat ein Virus was dagegen. Naja, dann eben 2021. Mir gegenüber sitzt meine Frau und näht schon wieder eine Schutzmaske. Sie hat sich beschwert, dass ich sie im vorherigen Blogeintrag „die Gute“ genannt habe. „So weit sind wir noch nicht“, lachte sie. Gleich wollen wir noch mit den Nachbarn auf unseren Hochzeitstag anstoßen – am Zaun versteht sich – ich habe sogar noch eine Flasche Raki im Keller. Nur müsste es aufhören zu regnen – das hat es noch nie an unserem Hochzeitstag. In diesem Jahr ist halt alles anders.  

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

Ein Kommentar zu “Hochzeitstag (Erinnerungen an Kreta)

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