Es lebe das Trampolin!

Zugegeben: Trampoline sind nicht schön. In Osnabrück gibt es ihretwegen sogar einen richtigen Streit. Trotzdem möchte ich ein Loblied auf die Hüpfematten anstimmen, die vielmehr sind als das.

Aus dem Garten gegenüber höre ich freudiges Geschrei. Ich schau aus dem Küchenfenster. Mit dem gerade einsetzenden Regen hat das Gejauchze nichts zu tun. Viel mehr mit dem großen Spielemonstrum, das der Vater der Zwillinge den ganzen Morgen über schwitzend aufgebaut hat und das fast die komplette Rasenfläche bedeckt. Es ist ein Trampolin. Die beiden Kinder, noch keine drei Jahre alt, hüpfen begeistert auf dem Sprungtuch herum. Der Regen stört sie überhaupt nicht. Trampoline sind meistens schwarz, zumindest das Netz und die Befestigungsholme. So ist das auch bei den Zwillingen gegenüber. Nur der Schutzring ist türkis.

Der von unserem Trampolin ist pink. Es ist so ein richtiges, knalliges Pink. Meine Tochter hat es zum Geburtstag bekommen. Der war Anfang Dezember. Das ist nicht der optimale Zeitpunkt ein Trampolin anzuschaffen, klar. Meine Frau hat sich gesträubt. Einmal wegen der ungünstigen Jahreszeit, zum anderen, weil Trampoline ihrer Meinung nach Gärten nicht unbedingt schöner machen und weil außerdem in den Gärten unserer direkten Nachbarn, den Engländern und den Niederländern, jeweils eins steht. Das müsse doch reichen. Der Tochter könnten wir sicher etwas anderes schenken. Es müsse doch nicht in jedem Garten ein Trampolin stehen, als wäre das ein Statussymbol oder ein ungeschriebenes Gesetz. Obwohl das alles keine schlechten Argumente waren, habe ich mich letztlich durchgesetzt – nicht ganz ohne Eigennutz, aber dazu später.

Streit: Entweder kommt das Trampolin weg oder ihr

In unserer alten Heimat Osnabrück gibt es zurzeit einen richtigen Streit um Trampoline. Diese stehen in einer Kleingartenkolonie und sollen nach dem Willen des Vorstandes derselben entfernt werden. Die Begründung: Die Federsprungtuchgeräte hätten sich zuletzt zu sehr vermehrt, es sei eine Plage, sozusagen. Offenbar stören sich viele Laubenpieper (ich wollte dieses schöne Wort einmal benutzen) daran, sagt der Vorstand. Dieser appelliert darum an die Vereinsmitglieder, ihre Trampoline abzubauen. Diese empfinden das weniger als Appell und mehr als Bedrohung, denn sollten sie sich weigern, dem Apell zu folgen, droht ihnen angeblich der Rauswurf.

In Berlin haben wir in der Nähe einer Kleingartenkolonie gewohnt. An einen ähnlichen Streit dort kann ich mich nicht erinnern. Wie auch immer: Wir sind froh, dass wir jetzt in der Corona-Zeit so ein Ding haben. Mein Sohn nutzt das Trampolin morgens in jeder freien Minute. Um neun Uhr beginnen wir mit dem Unterricht – vorher hüpft er sich warm für den Tag, in den Lernpausen zwischen Mathe und Deutsch geht die Hüpferei weiter. Das englische Mädchen, der holländische Junge und er machen inzwischen Saltos auf den Trampolinen. Sie veranstalten richtige Wettbewerbe. Oder sie werfen sich Bälle zwischen den Hüpfmatten hin und her.

Für Kinder ist es mehr als eine Hüpfburg

Auch meine Tochter hüpft mit ihren Freundinnen von nebenan um die Wette. Oder sie nutzt das Trampolin als Spielmatte, auf der sie die gesamte Einrichtung ihres Kinderzimmers ausbreitet: Puppen, Barbies, Autos und Schleichtiere haben bereits Bekanntschaft mit dem Hüpfeteil gemacht. Neulich bei einem Schauer haben die das Planschbecken als Dach benutzt und weitergespielt.  

Meine Frau ist inzwischen froh, dass ich mich einmal gegen sie durchsetzen konnte. Wie gesagt, nicht ganz uneigennützig. Denn auch ich liebe Trampoline. Das hat mit dem Garten meiner Schwester zu tun, der in einem Kurort im Osnabrücker Land liegt. Meine Schwester hat zwei größere Jungs und ist seit Jahren überzeugte Trampolin-Besitzerin. Wenn ich sie im Sommer besuche, bricht spät abends meine Trampolin-Zeit. Dann ist es dunkel, die Jungs schlafen und es herrscht Ruhe. Leise gehe ich in den Garten, barfuß. Ich klettere vorsichtig auf das Trampolin und lege mich auf den Rücken. Im Garten gibt es einen Kirschbaum, dessen Äste das Gerät überragen. Durch sie hindurch blicke in die Sterne. Es ist warm und ich bin allein. Und ich habe ein Bier dabei und höre Musik über Kopfhörer. Meistens einen Song in Dauerschleife, mein perfekter Begleiter in diese Stimmung: „Someone, somewhere in summertime“ von den Simple Minds. Es gibt nicht viele dieser Abende, vielleicht einen im Jahr. So oft besuche ich meine Schwester nicht. Und es gibt noch ein paar Songs mehr. Vielleicht sollte ich eine Trampolin-Playlist auf Spotify erstellen.

Solche Abende werde ich bald auch zu Hause haben, denn den Sommer kann auch Corona nicht stoppen. Ich bin mir übrigens sicher, dass das auch zu zweit funktioniert, auf einem Trampolin zu liegen und die Sterne anzuschauen. Dass ist besser als die beste Sonnenliege. Und man kann dabei auch Sekt, Limo oder Tee trinken. Oder gar nichts. Vielleicht sollten die Trampolin-Besitzer in diesem Kleingarten in Osnabrück mal ihren Vorstand dazu einladen.

Der Vater will die Zwillinge reinholen, der Regen wird stärker. Er sieht mich, wir grüßen uns. „Das ist für alle Kinder das Größte“ sage ich mit einer Kopfbewegung Richtung Trampolin. „Ja, allerdings“, nickt er. „Ganz schön groß“, sage ich. Er schaut sich den schwarz-türkisfarbenen Giganten auf dem Rasen an. „Ja,“ seufzt er. „Es ist das letzte, was noch da war.“

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

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