Corona-Kinder, Helene Fischer und ein Missgeschick

Viel zu lange schon war es hier ruhig. Das hatte vor allem mit den Kindern zu tun. Diese Corona-Zeit macht deutlich, dass Familien in unserer Gesellschaft nicht unbedingt den höchsten Stellenwert genießen. Sei es drum, das Leben muss weitergehen.

12.05. Kann man etwas dagegen tun, dass sich Montage immer wie Montage anfühlen? Also, präventiv? Schon am Sonntagabend vielleicht? Irgendetwas, das einem beruhigend einflüstert: Morgen ist ein ganz normaler Tag? Das würde die Sache einfacher machen.

Gestern war so ein Montag wie aus dem Bilderbuch, aber aus einem schaurigen. Ich hatte mir fest vorgenommen, einen frischen Blogeintrag zu Stande zu bringen. Irgendwann um die Mittagszeit herum habe ich dann entschieden, diesen Tag einfach verstreichen zu lassen, ohne große Erwartungen und ohne etwas zu schreiben. Das lag auch am Wetter, natürlich. Es hat geregnet, es war grau, kalt und ungemütlich draußen. Normalerweise mag ich solche Tage. Wahrscheinlich aber nicht, wenn sie auf einen Montag fallen. Und wenn dann noch Corona-Zeit ist, die Kinder nicht draußen spielen können, sind Hopfen und Malz verloren, wie es heißt. Dann fügt man sich am besten einfach in sein Schicksal und lässt den Tag passieren. Heute, am Dienstag, kann man ja rückblickend darüber reden. Das Wetter und auch die Laune sind besser.

Warum jede Woche ein Montag?

Also, ein Rückblick auf Montag: Die Fünfjährige liegt auf dem Sofa und spielt auf dem Tablett. Gerade hat sie gefragt: „Papa, darf ich bitte Apfel?“ Ich gehe also in die Küche und nehme zwei Äpfel aus dem Obstkorb. Einen frischen, knackigen und einen gelben, runzeligen. Ich wasche sie und esse den runzeligen. Den knackigen viertele ich und schneide das Kerngehäuse heraus. Die Viertel teile ich, wie immer, noch einmal in drei Teile. Dann gehe ich zum Schrank, um ein Plastikschälchen zu holen. Die stehen gestapelt im oberen Bord. Normalerweise würde ich das oberste nehmen, aber das ist ein blaues. Meine Tochter mag am liebsten orange. Also nehme ich alle Schälchen aus dem Schrank und hole ein orangenes hervor. Ich lege die Apfelstücken hinein und bringe sie dem Kind.  

Mein Sohn liegt oben und schläft. Eigentlich ist jetzt Schulzeit. Aber ich lasse ihn schlafen. Er hat eine üble Beule am Kopf, ein Zusammenstoß auf dem Trampolin mit dem Nachbarsjungen, Schläfe gegen Stirn. Das rechte Auge ist zugeschwollen. Heute fällt Home Schooling aus. Gestern war die Beule dick wie ein Kürbis. Piet, der niederländische Nachbar, kam herüber. Mit dem Bewusstsein, genau das richtige zu tun und in absoluter Gelassenheit schraubte er den Verschluss von einer kleinen Tube. Es war ein Kühlgel, was man in Deutschland und den Niederlanden nur auf Rezept bekommt, in Frankreich aber in jeder Apotheke kaufen kann, wie er sagte. Mit ruhigen Bewegungen und der Vorsicht eines dreifachen Vaters verteilte er das Gel auf der Beule. Unser Junge beklagte sich unter Tränen, das Gel sei zu kalt. Aber wenig später war die Beule an seiner Schläfe merklich abgeschwollen.

Home-Schooling nur eine provisorische Lösung

In der vergangenen Woche war der Junge bei den Hausaufgaben von der Konzentration her am Tiefpunkt. Okay, seine Lehrerin bemüht sich wirklich um ihre Schüler. Sie sieht sich die Hausaufgaben am Wochenende an und dann bekommt jedes Kind ein Feedback per Email. Sie spricht die Kinder persönlich an und sagt, das und das hast Du gut gemacht, da und da musst du konzentrierter arbeiten. Wenn mein Sohn diese Emails liest, ist er ganz aufmerksam und – ja, brav. Es ist ein bisschen so, als stünde seine Lehrerin vor ihm. Tut sie aber nicht. Stattdessen ist da nur sein Vater, ich. Der mehr und mehr überfordert ist. Jeden Tag, seit wie vielen Wochen inzwischen? Ich weiß es nicht mehr.

Der Junge hat die Nase voll. Vom ungeduldigen Vater, der nicht verstehen kann, warum der Zweitklässler Fehler macht, wenn er Wörter doch einfach nur abschreiben muss. Der Junge ist sieben. Er sitzt jeden Tag alleine am Tisch und macht seine Aufgaben, während seine Schwester, die auch alleine ist, irgendwo im Haus spielt. Man hört sie auch. Das alles muss schwer sein für das Kind. Er macht das toll, das muss ich auch mal sagen. Aber in der vergangenen Woche war er an der Grenze. Obwohl wir, um eine neue Situation zu schaffen, seinen Arbeitsplatz vom Esszimmertisch in sein Zimmer verlegt haben.  

An diesem Platz saß ich vergangene Woche viel zu selten.

Der Effekt ist verpufft. Seine einzige Abwechslung besteht darin, selbst zu entscheiden, ob er morgens mit den Mathe- oder den Deutsch-Aufgaben anfängt. Die Aufgaben sind unterschiedlich, aber die Struktur bleibtimmer gleich: Gestern hat er das Einmal-Vier gelernt, heute das Einmal-Fünf und morgen ist dann wohl das Einmal-Sechs dran. Wow… In Deutsch liest er einen Text und muss dann Fragen dazu beantworten: „Schon wieder in ganzen Sätzen, Papa?“ Ich verstehe ihn und kann es trotzdem nicht ändern.

Der Junge hat Lagerkoller. Er kann sich nicht motivieren. Ich kann es auch nicht richtig – weder ihn noch mich – weil ich ihn verstehe, er mir leidtut und ich sein Vater bin. Er ist ein Kind, dem seine Klassenkameraden fehlen. Das Aufzeigen, das Drangenommen werden, selber etwas zu sagen oder zu hören, was andere sagen. Es fehlt das Toben in der Pause, das Gefühl, zu einer Klassengemeinschaft zu gehören. Gemeinsam lernen, gemeinsam den Unterrichtsraum wechseln, gemeinsam zum Essen zu gehen und sich von zu Hause zu erzählen. Das alles sage ich mir immer wieder, wenn ich mal wieder die Geduld zu verlieren drohe. Gut, Land ist ja irgendwie in Sicht, aber es dauert noch bis irgendwann nach den Pfingstferien.

„Da hat er was eigenes, da kann er was mit tun“, frei nach Loriot.

Mir ist schon klar, dass ich auf hohem Niveau klage. Es ist ja nicht alles schlecht. Zum Beispiel darf mein Sohn jetzt mit Füller schreiben. Heute kam die Bestätigung per Mail. Laut seiner Klassenlehrerin hat er sein Diplom bestanden, ja, so was gibt es jetzt, ein Füller-Diplom. Dafür sind Tintenkiller tabu, wie ich gelernt habe. Mal sehen, wie lange das so bleibt.

Marie Kondo und die Mucki-Bande

Meine Tochter macht auch Fortschritte. Unsere stetigen Ermahnungen, was die Ordnung in ihrem Zimmer angeht, zeigen endlich Wirkung. Sie hat eine Methode entwickelt und diese perfektioniert: Sie hält sich so gut wie gar nicht mehr in ihrem Zimmer auf, sondern verteilt ihr Spielzeug in den anderen Zimmern. Oder lässt Puppen, Barbies und Playmobil einfach gleich im Garten liegen. So muss es abends sein Zimmer nicht mehr aufräumen, das clevere Mädchen. Ich weiß nicht, ob sie heimlich Marie Kondo liest? Ob die diesen Trick überhaupt schon kennt?  

Jungs sind wilder. Neulich kam mein Sohn aufgeregt und stolz wie Bolle ins Haus gerannt. Er trug nur eine Shorts und an jedem Oberarm ein Schweißband: „Papa, weißt Du was ich, O und H. gemacht haben?“ „Das heißt O., H. und ich.“ „Mein ich ja. Weißt du, was wir gemacht haben?“ Erwartungsvoller Blick. „Nein, was denn?“ „Wir sind jetzt eine Bande. Weißt Du wie die heißt?“ Erwartungsvoller Blick. „Nein, keine Ahnung. Wie hießt sie denn?“ „Die Mucki-Bande!“ Kurze Pause. „Wir trainieren ganz viel, weil wir so viele Muckis haben.“

Die Aurach. Impression von der Muttertags-Radtour durch Franken

Kurze Zeit später sehe ich drei Jungen mit nackten Oberkörpern auf dem Trampolin herumspringen und fleißig trainieren. Sie werfen sich immer wieder in die Maschen und feuern sich mit lautem Geschrei gegenseitig an. Richtig stark sehen sie aus, mein lieber Schwan.

Helene Fischer muss draußen bleiben

Dass Kinder gerade in dieser Corona-Zeit mehr Raum zur kreativen Entfaltung brauchen, ist klar. Eltern sind dazu verpflichtet, diesen Raum auch zu gewähren, was wir selbstverständlich gerne tun. Meine Frau und ich lagen am Wochenende am ersten Kaffee des Tages nippend noch im Bett, als die Tür aufging. Unsere Kinder schritten herein. Beide waren verkleidet. Unsere Tochter trug ein Prinzessinnenkleid. Das Kostüm unseres Sohnes war spärlicher und zeichnete ihn als unverkennbares Mitglied der Mucki-Bande aus: Unterhemd, Shorts und natürlich Schweißbänder an den Oberarmen. Die Artisten wünschten sich Musik. Aller datenschutzrechtlichen Bedenken zum Trotz haben wir uns ein Gerät angeschafft, dem man sagt, was man hören will und das Gerät spielt das dann ab. In diesem Fall wünschte sich unsere Tochter irgendetwas Spanisches, was sie in der Kita gelernt hatte. Die Musik setzte ein und die Vorstellung begann.

Bei der Choreographie hatte sich das Duo vorher offenbar nur wenig abgesprochen: Während die Tochter Pirouetten drehend durch den Raum schweben wollte, sah ihr Bruder seine Aufgabe darin, seine Schwester im Zimmer hin und her zu tragen. Trotzdem gab es selbstredend reichlich elterlichen Applaus. Die beiden verbeugten sich, verschwanden und tauchten ruckzuck wieder auf – diesmal als Tiger und als Reh verkleidet. Das Lied änderte sich, die Choreographie wurde eine beeindruckende Breakdance-Einlage unseres Sohnes ergänzt. Wieder Applaus. Noch zweimal änderten sie ihre Outfits (Einhorn und Dino, Fee und Sportler), dann war die Aufführung vorbei.

Als Belohnung gab´s für die Künstler Kakao und Kaffee fürs Publikum. Mein Sohn hatte gerade seine Tasse auf meinen Nachttisch abgestellt, als er das Musikabspielgerät ansprach und seinen Wunsch äußerte: „Spiele Herbstbeben!“ Eine gleichsam laute wie schneidende Stimme donnerte „STOPP“, um dann Galadriel gleich, in der Szene, in der Frodo ihr den Ring geben möchte, fortzufahren: „MEIN LIEBER FREUND, IN DIESEM SCHLAFZIMMER IST HELENE FISCHER ABSOLUT TABU!!!“ Ihr eisiger Blick, ohne jede Gnade oder Ironie, traf den Jungen, der seinen Kopf augenblicklich im Kissen vergrub. So habe ich meine Frau selten erlebt…

Zum Schluss noch das…

Seine musikalische Sozialisation bekommt das Kind von außen, da muss man als Elternteil auf der Hut sein. Helene Fischer etwa brachte er von der Geburtstagsparty einer Klassenkameradin mit. Die Eltern des Mädchens stammen aus Russland, natürlich. Kommt er von den niederländischen Nachbarn nach Hause, erklingen wenig später mir nichts sagende Elektropop-Songs wie „Policeman“, „No money“ und besonders aussagekräftig „Blablabla“ aus seinem Zimmer. Ich fürchte, so etwas hören die Kids überall. Wir versuchen, mit Peter Fox, den Beatsteaks und Adele dagegenzuhalten. Neulich habe ich im Auto in einem schwachen Moment Rammstein gespielt, als wir zwei alleine waren. Das will er jetzt immer hören. Ja, man muss vorsichtig sein.

Den Beitrag fertig machen, die Deutschaufgaben meines Sohnes kontrollieren und dann kochen, denke ich mir und mache mich beherzt ans Werk. Vorher aber noch schnell den Biomüll rausbringen. Im Flur, den ich selbstverständlich gerade erst gewischt hatte, reißt die durchweichte Papiertüte. Der Inhalt, alte Linsen, Nudeln und Obstschalen, verteilt sich weiträumig auf dem Boden. Ich frage mich, welchen Wochentag wir haben, halte dann den Atem an, höre mein Herz schlagen und denke, warum auch immer, an Helene Fischer.  

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

3 Kommentare zu „Corona-Kinder, Helene Fischer und ein Missgeschick

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