Heimlich in Paris

Für Touristen toll, für die Jugend öde: Nein, besonders cool ist das Frankenland nicht. Also ist Fantasie gefragt.

20.05. In Herzogenaurach soll es irgendwo eine Bank geben. Es ist eine besondere Bank. Ein Bekannter hat mir davon erzählt. Er weiß nicht, wo sie steht. Was er aber weiß: Es soll ein ziemlich einsamer Platz sein, irgendwo am Waldrand, an einem Feld. Ganz in der Nähe ist auch ein Teich. Von denen gibt es hier viele. Das markanteste, so mein Bekannter, ist aber der Strommast. Der steht direkt neben der Bank.

Für Jugendliche aus der Gegend ist diese Bank ein Treffpunkt, wohl schon seit Jahren. Sie haben sich hier, wie mein Bekannter gehört hat, wohl auch getroffen, als es eigentlich verboten war. Weil es in der Schule, zu Hause oder sonst wo nicht möglich war, Corona war schuld. Diese Bank unterhalb des Strommasts ist also ein heimlicher Treffpunkt. Die Jugendlichen haben ihm einen Namen gegeben. Sie nennen ihn „Paris“.

Ein kleiner, heimlicher Eiffelturm in der fränkischen Provinz

Ich kenne weder die Bank noch Jugendliche, die sich hier treffen. Unseren Babysitter habe ich gefragt, aber sie kannte ihn auch nicht. Ich kann mir aber ganz gut vorstellen, wie sie dasitzen. Zu zweit, zu dritt auf der Bank, im Schatten des Eiffelturms. Ein Pärchen eng umschlungen, die beste Freundin daneben. Ein Junge, an sein Rad gelehnt, davor. Sie reden, einige rauchen Zigaretten und andere vielleicht auch ein Bier. Wenn jemand vorbeikommt, Radfahrer, ein Jogger oder Hundebesitzer, schauen einige von ihnen weg, um nicht erkannt zu werden. Andere grüßen schüchtern und andere verstecken ihr Gesicht sogar ganz.

Ein Turm ist ein Turm. Mit etwas Fantasie wird aus einer Stahlkonstruktion ein Sehnsuchtsort

Einige haben nervös alle paar Sekunden auf ihr Handy geschaut, weil sie eigentlich schon lange wieder zu Hause sein müssten, aber sich nicht von ihren Freunden trennen wollten. Wer weiß denn schon, wann sie sich wiedersehen.

Wir sind aus Berlin hierhergezogen, noch kein Jahr ist das hier. Wir wollten raus aus der Stadt, zurück aufs Land, wo wir ursprünglich herkommen. Ins Frankenland mit seinen Hügeln, den Wäldern, weiten Feldern und den vielen Teichen, kommen Menschen, um Urlaub zu machen. Fast jedes noch so kleine Dorf hat einen idyllischen Kern und mindestens ein nettes Gasthaus. Unsere Kinder sind klein, denken an Schule und Freibad, aber nicht an Paris, New York oder Tokio. Sie wachsen im wahrsten Sinn des Wortes in einer „heilen Welt“ auf.

Nicht gerade ein Sehnsuchtsort für Jugendliche

Aber für Jugendliche muss es ziemlich öde sein. Herzogenaurach ist eine Kleinstadt. Es gibt Sportvereine, einen Skatepark und einen BMX-Kurs, immerhin. Aber that´s all. Erlangen liegt vor der Haustür und Nürnberg ist nicht weit. Aber cool im wirklichen Sinn von „cool“ ist das alles nicht hier. Dass die Gegend mit ihren großen Unternehmen jede Menge berufliche Perspektiven bietet, geschenkt.

Es gibt keinen Big Apple, keinen Piccadilly Circus und kein Kreuzkölln weit und breit. Dafür „Schäuferle“, Kloß mit Sauce und die Aussicht auf eine Wanderung durch die Fränkische Schweiz am Wochenende. Lothar Matthäus schaut zweimal im Jahr bei seinem Heimatverein nach dem Rechten. Es ist eine Gegend, in der der Ruf nach der großen, weiten Welt besonders lange nachhallt. Ein Ort, an dem vielen nur das Träumen und Hoffen aufs Erwachsenwerden bleibt und eine Bank an einem Strommast ihr Fantasieanker ist. Immerhin ein Eiffelturm, auch wenn es nicht der richtige ist.

Punk in Franken: Sprayer kennen auch hier keine Gnade…

Seit ich vor einer guten Woche von diesem Paris gehört habe, habe ich Sehnsucht nach dem richtigens. Als ich zum ersten Mal da war, hätte ich ein Jugendlicher hier aus Franken sein können, der sich zum heimlich Rauchen auf einer Bank trifft und von etwas Großem träumt.

„Die Stadt der Freundschaft“, nicht die der Liebe

Es ist fast dreißig Jahre her. Ich fuhr zusammen mit M., meinem besten Freund damals. Weil wir noch Schüler waren und kaum Geld hatten, fuhren M. und ich mit dem Bus. MB Traumreisen hieß das Unternehmen. Wenn man danach googelt, findet man nur noch eine Radio-Comedy, die sich über die bräsige Provinzialität des Unternehmens und der Reisenden lustig macht.  Für M. und mich war es das Ticket in einen Traum.

Wir hatten ein schönes Hotel südlich des Zentrums. Am Eiffelturm waren wir auch, aber nicht darauf. Dafür auf dem Tour Montparnasse, dem damals höchsten Bürohaus Europas. Wir liefen an der Oper vorbei, am Place de la Concorde, am Hardrock Café, weil wir James Dean und Marilyn Monroe toll fanden. Am Triumphbogen aßen wir bei Burger King, um Geld zu sparen. Dort bediente eine Schwarze. Sie hatte kurze Haare und ein Paar der liebsten Augen, die ich je bei einem Menschen gesehen habe. Sie strahlte von innen. Ihren Namen wussten wir nicht. M. und ich nannten sie Sally. Am Tisch gegenüber saß ein alter Mann. Er hatte nichts bestellt, sondern holte aus seinem alten Rucksack Knoblauchzehen heraus und begann zu essen. Sally ging zu ihm. Jetzt wird sie den Mann, der höchstens noch eine Handvoll Zähne hatte, aus dem Laden werfen, dachten wir. Sally zog sich einen Stuhl heran und setzte sich ihm gegenüber. Sie sprach ganz leise zu ihm. Er antwortete. Was sie sprachen, weiß ich nicht. Aber sie saßen da und unterhielten sich. Ganz ruhig, als wären sie allein auf der Welt. Eine junge, schöne schwarze Frau und ein alter, fast zahnloser, weißer Mann in einem Schnellrestaurant mitten in Paris. Sie saßen noch da, als wir gingen.

Am letzten Abend kauften wir Weißwein und fuhren mit der Metro an die Seine. Es war eine wunderschöne, laue Sommernacht. Zwischen Straße und Fluss standen prächtige Kastanien. Außer den Autos, die vorbeibrausten, waren wir die einzigen Menschen weit und breit. Wir saßen auf einer Mauer, direkt am Fluss. Notre Dame war nicht weit entfernt, wir hörten die Glocken schlagen. Lange saßen wir hier, zwei Jugendliche, die bald Abitur machen und dann ins Leben hinausgespült werden sollten. Wir sprachen über Mädchen, Jungs, Schule, Träume und was werden soll aus uns. Es war wunderbar. Am nächsten Morgen hätten wir fast den Bus nach Hause verpasst.

…Hauptsache dagegen

Später habe ich versucht, diesen Abend noch einmal zu erleben. Ich war mit einer Freundin in Paris und hatte die Vorstellung eines romantischen Abends am Fluss. Es misslang total. Wir kamen nicht einmal bis zur Seine. Wunderbare Abende passieren einem nur dann, wenn man sie nicht zu inszenieren versucht.

„Das war ein schöner Mann“

Wo wir von Inszenierungen und Paris sprechen: Michel Piccoli ist gestorben. „Das war ein schöner Mann“, hat meine Tante über ihn gesagt, als wir neulich telefonierten. Wenn sie so etwas sagt, dann stimmt das. Sie ist überhaupt keine Besserwisserin, obwohl man das vermuten könnte, weil sie Lehrerin ist. Sie gehört zu den Menschen, die sich ihrer Sache absolut sicher sind, wenn sie so etwas sagen. „Das war ein schöner Mann“. Sie schafft es, dass man darüber nachdenkt, auch wenn man diesem Urteil nicht automatisch zustimmen möchte. Letztlich stimmt es.

Ob schön oder nicht, mit dem Namen Michel Piccoli werden die meisten Jugendlichen hier und selbst in Frankreich heute wenig anfangen können. Es ist egal. Es macht mich glücklich, dass sie hier ihr eigenes Paris haben. Das ist fantastisch. Seit ich gehört habe, dass sie ihren eigenen Eiffelturm haben, ist mir dieses Frankenland ein Stück näher gekommen. Und ich muss zugeben, dass ich heimlich danach suche. Wenn ich ihn gefunden habe, melde ich mich.

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

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