Kinder sind Wurscht

In der Corona-Krise haben Bundesregierung und Länder bis lang fast alles richtig gemacht. Seitdem die Beschränkungen mehr und mehr gelockert werden, kann ich vieles nicht mehr nachvollziehen. Es scheint weniger um Logik und gesunden Menschenverstand zu gehen als darum, wer am lautesten schreit.

28.05.2020 Ich bin kein Virologe. Ich bin auch sonst kein Forscher. Ich bin auch kein Verschwörungstheoretiker. Ich habe auch nicht vor, mich mit anerkannten Wissenschaftlern anzulegen, in dem ich mir willkürlich Stimmen anderer Wissenschaftler zusammensuche, die deren Zwischenberichte zum Stand ihrer Forschung kritisieren. Das kann ja nach hinten losgehen, wie man weiß.

Der gescheiterte Versuch der Bildzeitung, Prof. Drosten fertigzumachen, hat aber etwas Gutes bewirkt: Wir haben gelernt, wie Wissenschaftler arbeiten: Ein Institut forscht, schreibt dann einen ersten Bericht und stellt diesen zum freien Diskurs. Andere Forscher, aus zum Teil völlig unterschiedlichen Disziplinen, geben dann ihren Senf dazu. Kritisch, aber konstruktiv. Daraus ziehen die Wissenschaftler Erkenntnisse, die wiederum in ihre Forschung einfließen. Das ist Teamwork statt Ellenbogen. Warum machen wir das auch in anderen Bereichen nicht immer so, fragt man sich da.

Ich bin also kein Virologe, kein Wissenschaftler oder Verschwörer. Ich bin Vater. Seit ich diesen Blog schreibe, seit gut zehn Wochen also, sind meine Kinder zu Hause. Kita und Schule sind wegen Corona geschlossen. Meine Kinder hatten in dieser Zeit – außer am Telefon oder bei Videochats – keinen Kontakt zu ihren Mitschülern oder Kitafreunden. Aus gutem Grund, wie ich fand.

Lockerungen? Ja klar, aber für Kinder?

Inzwischen sind die strengen Kontaktmaßnahmen gelockert worden. Zu allererst für Bundesligaprofis. Die dürfen schon seit Wochen wieder richtig ran. Bei einer Ecke stehen sie eng an eng im Fünfmeterraum, springen zum Kopfballduell hoch, grätschen ihre Gegenspieler um oder hauen ihnen den Ellenbogen auf die Nase. Nur abklatschen dürfen sie nicht, weil das wohl zu gefährlich ist. Kinder, wie mein siebenjähriger Sohn etwa, der am liebsten jede Stunde am Tag Fußball spielen möchte, darf das nicht. Die Bolzplätze – zumindest hier in Bayern – sind noch gesperrt. Training wäre theoretisch möglich, aber mit so absurd hohen Auflagen, dass sich unsere Trainer einstimmig dagegen entschieden haben. Das ist kein Spaß, kein Fußball. So wie diese Geisterspiele ohne Zuschauer auch kein Spaß sind.

Ein wunderbarer Bolzplatz ohne Kinder. Kicken ist hier inzwischen wieder erlaubt.

Beim Lernen sieht es nicht anders aus. Die Schule meines Sohnes bin ich. Ich bin Lehrer, Stundenplan, Pausenklingel, Mensakoch und Spielgefährte. Seine Freunde hat er wie gesagt seit zehn Wochen nicht mehr gesehen, ebenso wie seine Fußballmannschaft nicht, mit der er im Winter Hallenkreismeister wurde.

Meine Tochter hatte ein paar Videochats mit Freundinnen. Sonst gab es keinen Kontakt. Zum Glück haben wir unsere Nachbarmädels, mit denen sie spielt. Heute haben sie Rosenblätter geflückt und daraus Parfüm gemacht. Das haben sie an der Straße der Handvoll Passanten zum Kauf angeboten, die in unserer Siedlung unterwegs sind. Immerhin sind die Kinder kreativ. Normal ist es trotzdem nicht für die Kleinen. Als wir bei einer Tour neulich an ihrem Kindergarten vorbeiradelten, fing sie an zu weinen. „Ich vermisse meine Kita so“, schluchzte sie. Meine Frau und ich sahen uns hilflos an. Fünf Jahre ist das Mädchen alt.

Wiedersehen und dann „zu Amerika“ fliegen

Zum Glück hat sie sich bei einem Kita-Chat mit einer Freundin verabredet. Schon am Abend vor dem Wiedersehen ist sie ganz aufgeregt und kann nicht einschlafen. Am Morgen steht sie angezogen vor unserem Bett und will sofort los. Das Treffen ist aber um drei Uhr und findet auf einem Spielplatz statt. Das ist ein Wiedersehen! Normalerweise ist meine Tochter schüchtern und zurückhaltend, wenn sie Freundinnen trifft. Aber schon als der Wagen vorfährt, flitzt sie los und empfängt ihre Freundin an der Autotür. Über zwei Stunden bespielen die zwei mit ihren blonden Haaren unzertrennlich den ganzen Spielplatz. Karussell fahren, synchron-schaukeln, rutschen und mit dem Flugzeug nach Italien fliegen „und zu Amerika!“, wie meine Tochter jauchzt. Zum Abschied kuscheln die zwei und können sich kaum trennen. Das Kind ist selig wie lange nicht.

Es wird wieder. Ein Flugzeug auf einem Spielplatz in Franken.

Ich frage mich ernsthaft: Können sich Kinder fahrlässigere benehmen als Erwachsene? Wenn man sieht, was in einem Restaurant in Ostfriesland passiert ist, kommen ernste Zweifel. Über 40 Menschen haben sich in einem Lokal in Leer mit dem Virus angesteckt. Können Kinder unbedarfter sein als Kirchgänger in Frankfurt? Bei einem Gottesdienst haben sich über 70 Personen mit dem Virus infiziert. Kinder sind mit Sicherheit nicht verantwortungsloser als Betreiber von Billigfleisch-Schlachthöfen. Die stecken ihre Gastarbeiter aus Osteuropa in Unterkünfte, die so eng sind wie die Pferche der Säue, die sie schlachten müssen, die armen Schweine.

Nein, das ist krumm und das ist schief. Das passt nicht. Gesunder Menschenverstand und Logik standen bei den Entscheidungen für diese Maßnahmen nicht Pate. Lobbyisten anderer Branchen sind offenbar stärker, lauter und härter als die der Kinder und Eltern. Die können nur klagen und warten. Immerhin: Es ist Land in Sicht. Nach den Pfingstferien geht die Schule wieder los. Die Klasse meines Sohnes wird aufgeteilt. Ab dem 15. Juli haben die ersten zwölf Kinder wieder Unterricht. Mein Sohn ist in der zweiten Gruppe, die eine Woche später startet. Am 15. Juli soll auch die Kita wieder starten, meine Tochter wird Vorschulkind. Wenn alles gut geht, wird sie im nächsten Jahr im Sommer eingeschult. Der Vater, der auch bis dahin kein Virologe, Wissenschaftler oder Verschwörungstheoretiker sein wird, verdrückt dann mit Sicherheit ein paar Tränen, nimmt sein Kind in die Arme und denkt kopfschüttelnd an diese irre Zeit zurück. Und dann fliegen wir „zu Amerika“.

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

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