Dann halt Urlaub im Kopf

Heute wären wir nach Kreta geflogen. Eigentlich. Sicher könnte ich jetzt selbstmitleidig zur Ouzo-Flasche greifen – aufdrehen und ansetzen. Aber ich treffe „Dr. Beach“. Und der bringt mich zum Strand.

02.06.2020 Facebook ist gnadenlos. Das weiß jeder, außer vielleicht der amerikanische Präsident. Seit einer Woche erinnert mich das Netzwerk mit Fotos an Orte, die ich in diesem Jahr voraussichtlich nicht sehen werde: Sonnenuntergänge am Meer, herrliche Strände und die venezianischen Häfen von Chania und Rethymnon. Pfingsten war immer unsere Kreta-Zeit. Dieses Jahr halt nicht – Corona sei Dank, du blöde Kuh.

Dabei ist Kreta bisher vom Virus so gut wie verschont geblieben. Wie mir die Leute von unserer Unterkunft, die jetzt nicht unsere Unterkunft ist, mitteilten, gab es bis Ende Mai auf der Insel offenbar ganze 16 Fälle. In der Region, in die wir gefahren wären, ist eine einzige Person an Covid 19 erkrankt. Das ist wenig, wir sprechen über die fünftgrößte Insel im Mittelmeer.

Zeit für „Dr. Beach“

Ob der Urlaub wirklich so frei und entspannt gewesen wäre wie in den Jahren gewohnt waren, wissen wir nicht. Der Flug wurde schon vor Wochen gecancelt. Jetzt frischen eben Fotos die Erinnerung auf. Ich lasse mir von „Dr. Beach“ helfen, den ich vor einigen Wochen vorgestellt habe. „Dr. Beach“ betreibt einen imaginären Podcast. Bei ihm rufen Leute an und klagen ihre Corona-Sorgen. Er hört einfach zu und zeigt Verständnis für den Frust. Zum Schluss stellt er immer die gleiche Frage: An welchem Strand wärst Du jetzt gerne? So entlässt er die Anrufer mit einem guten Gefühl.

Der kleine Hafen von Panormo

Wenn ich einmal zu ihm durchkomme, werde ich ihm von Panormo erzählen. Panormo ist ein Badeort auf Kreta. Er liegt an der New Road, zwischen der Hauptstadt Iraklion und Rethymnon. Man kann ihn leicht links liegen lassen. Oder auch rechts, je nachdem, in welche Richtung man unterwegs ist. Spektakulär ist er nicht. Laut Wikipedia leben hier genau 628 Menschen. Panormo hat zwei Buchten, die westliche ist die zum Baden schönere. Am Eingang betreibt der Fischer Kostas (der heißt wirklich so, alle Klischees werden erfüllt) eine kleine Taverne. Es gibt ein paar Tische und Sonnenschirme. Der schönste Platz liegt etwas erhöht auf einer gemauerten Terrasse unter einer steinalten Pinie.  Am Strand können Urlauber für wenig Geld Sonnenliegen mit Schirm mieten. Bis auf sonntags, wenn die Städter kommen, ist es hier selbst in der Hauptsaison ruhig. Der Strand ist schön, wie gesagt, aber es gibt schönere. Mir wäre er heute mehr als genug.

Wenn man wieder hinaufkraxelt und ein paar Meter nach Osten geht, kommt man zur zweiten Bucht. Sie ist größer, aber noch lange nicht groß. Im vorderen Bereich ist ein weiterer Strand. Hier ist es enger als in Bucht Eins. Direkt dahinter liegt ein winziger Hafen. Kleine Segelyachten und Fischerboote liegen hier. Es ist wie auf einem Bild von Ali Mitgutsch: Wie auf einem seiner Wimmelbilder steht alles dicht an dicht. Es wirkt aber nicht überfrachtet, sondern gemütlich. Die Bucht wird beschützt von einer überdimensional großen Hafenmole mit gewaltigen Wellenbrechern auf der Seeseite. Offenbar kann es im Winter ungemütlich werden in Panormo, wenn Stürme aus Westen die Wellen vor sich hertreiben.

Eine einfache, aber gute Taverne: George & Georgia.

Oberhalb der Bucht ist der Ortskern. Es sind nur ein paar Häuserreihen. Alles ist klein. Neubauten stehen neben Bruchsteinhäusern. Eine alte Bäckerei, eine Pizzeria mit Außerhausverkauf, winzige Läden, sogar einen mit kleinen Fischen, die einem die Hornhaut von den Füßen knabbern. Überall blüht es bunt in tönernen Töpfen und vor jedem Haus streicht mindestens eine Katze umher.

Abends gehe ich zu „George & Georgia“. Ihre Taverne liegt in einem kleinen Gässchen. Die Tische stehen draußen. Man kann zum Meer hinunterblicken. Georgia bedient, George kocht. Sie spricht gut englisch und zählt aus dem Kopf die einfachen, aber guten Gerichte auf. Dazu gibt es ein griechisches Bier oder eiskalten Weißwein. Zum Nachtisch werden frisches Obst mit Jogurt und selbstgebrannter Raki serviert – gratis.

Die Gasse an der Taverne wird jeden Abend für den Verkehr gesperrt.

Das Gässlein ist ein Mikrokosmos. Links von uns gibt es das Café „Oasis“, vor dem ein paar junge Typen sitzen. Sie trinken Frappé und unterhalten sich laut. Direkt vorm Haus daneben sitzen zwei ältere Männer auf Plastikstühlen. Einer von ihnen ist gekleidet wie ein kretischer Freiheitskämpfer: Er trägt hohe Lederstiefel, Hosen und Hemd und das Sariki, das ist eine gehäkelte Kopfbedeckung. Alles in schwarz. Ob der Mann aus Überzeugung oder aus Folklore so herumläuft, keine Ahnung. Feststeht, er trägt die Klamotten mit Stolz, sie machen was her. Er und sein Freund unterhalten sich, während im Stockwerk darüber alle paar Sekunden ein schwarzer Hundekopf über der Balkonreling auftaucht. Wenn Passanten vorbeigehen, bellt der Kopf. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist ein Friseursalon. Die Chefin steht davor und schimpft in ihr Handy.

Wir sperren die Straße, wann wir wollen

Rechts von uns, ein paar Meter weiter, ist ein kleiner Supermarkt mit ein bunten Spielsachen dekoriert, einem Ansichtskartenständer davor und einem gelben Briefkasten an der Wand. Dahinter, in einem winzigen Gang versteckt, liegt der Eingang zur Villa Kynthia. Ein altes Herrenhaus, das zu einem kleinen Boutique-Hotel umgebaut wurde. Wie ich gelesen gabe, hat es nur zwei Zimmer und drei Suiten und muss eine traumhafte Unterkunft sein. Der Gedanke, sich nach so einem Tag in der Badebucht und einem Abendessen bei George & Georgia, in dieses Refugium zurückzuziehen, macht glücklich. Eines Tages, das ist gewiss, werden meine Frau und ich uns hier einquartieren – ohne Kinder.

Es klingt abgedroschen, aber sehr viel griechischer geht es nicht.

Dann passiert es: Ob nach geheimer Absprache, einer festen Verabredung oder einfach aus einem impulsiven Gefühl heraus, weiß man nicht. Auf jeden Fall steht plötzlich einer der Typen ganz links auf und holt etwas aus dem Café. Es ist ein kleines Schild, das auf zwei Füßen steht und maximal 80 Zentimeter hoch ist: Durchfahrt verboten. Er stellt es direkt auf die Gasse. Etwa 40 Meter unterhalb macht es die Frau vom Supermarkt genauso. Ein Schild kommt zum Vorschein und wird auf die Fahrbahn gestellt: Durchfahrt verboten. Gibt es etwas Vergleichbares in Deutschland? Von einem Moment auf den anderen ist aus der Gasse ein kleiner, länglicher Platz geworden. Kinder können jetzt frei herumlaufen, spielen und sich die Katzen ansehen. Ihre Eltern können durchatmen, ihren Raki und diesen ruhigen Moment genießen, während im Westen die Sonne über dem Meer untergeht.

Vermutlich hat jeder einen solchen Strand oder einen solchen Ort, an dem er gerne wäre. So lange das nicht geht, hilft „Dr. Beach“. Bitte selbst ausprobieren.

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

2 Kommentare zu „Dann halt Urlaub im Kopf

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