Comeback

So viel ist passiert. Ein Urlaub, das Ende des Lockdowns, Schulen und Kitas sind wieder auf und jetzt sind schon wieder Ferien. Und einige Leute scheinen dazu von allen guten Geistern verlassen.

11.08. Der Turmfalke lässt die alte Eiche unter sich links liegen. Er dreht eine kleine Kurve über .die Pferdekoppel, als wolle er hier nach dem Rechten schauen und landet dann elegant auf einem Apfelbaum. Zehn Sekunden später lässt sich eine Ringeltaube auf demselben Baum niederplumpsen. Die beiden Vögel sitzen vielleicht anderthalb Meter voneinander entfernt. Der Falke schaut zu der Taube rüber, als wollte er sagen: ´He Dicke, du hast hier nichts verloren. Das ist mein Baum, mein Revier`… Die Taube sitzt einfach da und schaut gelangweilt in der Gegend herum. Sie ignoriert den Falken. `Furzknoten‘, scheint sie zu denken. `Wir wissen beide, dass du nur eine halbe Portion ist´. Der Falke weiß das auf jeden Fall.

Solche kleinen Beobachtungen habe ich im Urlaub gemacht. Der ist inzwischen auch wieder über zwei Monate her. Wir sind Pfingsten doch verreist. In unsere Heimat, ins Osnabrücker Land, nach Niedersachsen. Dort leben unsere Familien. Gewohnt haben wir aber nicht in Niedersachsen, sondern in Nordrhein-Westfalen. NRW, wie wir es abkürzen, grenzt an drei Seiten an das Osnabrücker Land. Wir haben uns in einen Pferdehof in Borgholzhausen eingemietet. Wir waren die einzigen Gäste. Der Hof liegt nur ein paar Minuten von der Burg Ravensberg entfernt, am Fuße des Teutoburger Waldes. Morgens haben wir den ersten Kaffee auf einer rustikalen Eichenbank auf dem Hof genoßen, während die Kinder dabei geholfen haben, den Stall ausmistete. Es war super. Außerdem sind sie geritten, auf richtigen Pferden, denn Ponys gibt´s nicht auf dem Hof. Die Pferde hießen Mucki, Nicki, Hasi, Windgräfin, Tobi und Marla. Marla ist der einzige Name, den ich mir merken konnte. Er erinnert mich an die Sängerin Marla Glenn. Die anderen Namen musste ich bei den Kindern erfragen.

Ich bin kein Reiter, aber diese Pferde mochte ich. Eins hat die Besitzerin für einen Euro vor dem Schlachter gerettet.

Wir hatten eine schöne Zeit. In Bielefeld besuchten wir meinen Bruder und seine Freundin und hatten einen herrlichen Abend. Wir, das sind meine Schwester und ihr Mann, meine Frau und ich. Ich glaube, es war das erste Mal, dass wir einen solchen Abend hatten, ganz ohne ein Kind in der Nähe. Opa hatte sich bereiterklärt, auf alle vier Kinder (meine Schwester hat zwei Jungs) aufzupassen. Das sah so aus, dass Opa im Haus meiner Schwester unten auf dem Sofa saß und die Kinder im Stockwerk drüber einen Film nach dem anderen sahen. Disney Plus macht´s möglich, hat Opa sich wohl gedacht.

Bielefeld bei Nacht. Besser als man denkt.

Bielefeld ist ja die Stadt, die es ja angeblich nicht geben soll. Der Witz ist immer noch saublöd. Dabei überraschte sie mich nicht zum ersten Mal. Wir aßen Tapas und machten uns dann bei zunehmender Dunkelheit auf zur Sparrenburg. Das ist so etwas wie das Wahrzeichen der Stadt. Dort saßen auf einer Wiese bei einem Bier und genossen den herrlichen Blick auf die Stadt.

„Yeah!“

Außerdem trafen wir während unseres Heimatbesuchs viele Freunde, natürlich die Großeltern und waren fast täglich mit der Familie meiner Schwester zusammen. Es war eine wunderbare Woche. Ich bin gerne zu Hause. Je älter ich werde desto bewusster wird mir, dass diese Gegend wirklich mein zu Hause ist, der Ort ist, wo ich hingehöre.

Wieder zurück in Franken veränderte sich unser Alltag – endlich. Die Kita machte wieder auf. Ich werde nicht den Jubelschrei einer Mutter vergessen, nachdem sie ihre zwei Kinder bei den Erziehern abgegebene hatte. Sie ballte beide Fäuste und schrie „yeah“, wie eine Tennisspielerin, die endlich Wimbledon gewonnen hat. Als wäre ihr eine Zentnerlast vom Herzen gefallen. Beneidenswert.

Die ansonsten offene Kita wurde Corona-bedingt in kleine Gruppen unterteilt. Aber die ErzieherInnen haben ihren Job super gemacht. Unsere Tochter konnte jeden Tag mit zwei ihrer engsten Freundinnen spielen.

Und – endlich – war auch die Schule wieder geöffnet. Moment – vorher gab es noch einen Aufreger. Mitten in den Ferien, wir waren schon auf dem Reiterhof, saß ich auf der rustikalen Eichenbank vor der Wohnung bei einem Herforder Pils– ich bin da sehr nostalgisch und zelebriere so etwas. Das ist halt das Bier, was wir frühjer bei uns auf Feten und beim Fußball getrunken haben. In Franken gibt es das nicht. Jedenfalls saß ich da und genoss die Idylle, als mein Handy surrte. Es war die WhatsApp-Gruppe des Schulelternrats. Die Vorsitzende hatte eine Frage. Sie sagte, die Schule benötige beim Re-Start die Hilfe der Eltern. Konkret ging es um die acht Ein- und Ausgänge des Schulgebäudes. Der Schule sei es personell nicht möglich, am Morgen vor Unterrichtsbeginn diese Ein- und Ausgänge zu besetzen und zu kontrollieren, ob die Schüler Masken tragen und zu gewährleisten, dass die Corona-Abstandsmaßnahmen eingehalten werden. Sie fragte dann, ob nicht Eltern diesen Job übernehmen könnten. Und zwar morgens zwischen 7.45 und 8 Uhr jeweils acht und dann noch einmal acht um 11.15 Uhr, wenn der Unterricht zu Ende ist. Mir blieb die Spucke weg, zum Glück hatte ich ja das Bier vor mir stehen. Ich trank einen großen Schluck.

Unwiederstehlich… für mich zumindest.

Dann dachte ich: Sicher werden sich die Eltern – nach drei Monaten Lockdown, Home Schooling, geschlossenen Kitas und Tausend Stunden Homeoffice mit nörgelnden Kindern im Hintergrund – also, ganz sicher werden diese Eltern, die sich endlich wieder auf einen halbwegs normalen Alltag freuen, jubelnd an die Decke gehen, wenn wir sie fragen, ob sie morgens und mittags den Ordnungsdienst vor der Schule spielen wollen…

Kurz darauf telefonierte ich mit unserer Klassenlehrerin. Die ist normalerweise eine Frohnatur, aber dieses Mal hatte sie schlechte Laune. Sie war empört über das Anliegen der Schulelternratsvorsitzenden, die gute Frau. Nein, mit der Schule sei das überhaupt nicht abgesprochen, sagte sie. Selbstverständlich würden die Klassenlehrer die Kinder zum Unterricht hereinholen und auch wieder hinausbringen. Viel Lärm um nichts, also. Wie sich im Laufe des Tages im Chat herausstellte, haben das alle Klassenlehrer so gemacht, alle. Nicht ein einziger Vater und auch keine Mutter wurden gebraucht. Die Schulelternratsvorsitzende wird es bei der Wiederwahl nicht leicht haben, vermute ich.

Die Klasse unseres Sohnes wurde in zwei Teile geteilt. Ein Teil ging in die Schule, der andere machte Home Schooling. Nach einer Woche wurde gewechselt. So schleppten wir uns, also mein Sohn und ich, in die Ferien, mit den schon bekannten Hochs und Tiefs. Am Ende war es ein einziges Durchhalten. Trotzdem: Über sein Zeugnis haben wir uns letztlich sehr gefreut. Ende gut, alles gut? Naja, wir sind noch nicht am Ende.

Moralpolizei hin oder her: Wir sind verantwortlich.

Ich habe in diesem Blog mehrmals gesagt, wie gut und sicher wir uns und Menschen aus unserer Umgebung während des Lockdowns gefühlt haben. Seit den aus meiner Sicht wenig nachvollziehbaren und zum Teil willkürlichen Lockerungen hat sich das ein wenig gewandelt. Über Fußball, also die Öffnung der Bundesliga, hatte ich hier schon geschrieben.

Die Welt geht unter, wenn wir Masken…

Besonders groß war die Empörung im ganzen Land nach den Corona-Ausbrüchen in den Fleischfabriken. Wie können die Fleischbarone die armen Menschen aus Osteuropa nur so ausbeuten? Wie kann die Politik das nur zulassen? Das sind beides wichtige und gute Fragen. Aber bevor wir die Moralkeule über andere schwingen, was in letzter Zeit zu einem irren Wettbewerb ausgeartet zu sein scheint, sollten alle Reflex-Empörten kurz inne halten und bei sich selbst anfangen. Natürlich nutzt Herr Tönnies die Rahmen für seine Geschäfte gnadenlos aus. Aber letztlich wird sein Billigfleisch auch gekauft und zwar nicht zu knapp. Jeder weiß, dass ein Steak für zwei, drei Euro moralisch nicht in Ordnung sein kann. Das Rind hat gelitten. Es hat von seiner Geburt bis zu seiner Schlachtung ein unwürdiges Dasein geführt. Die Menschen, die diese Tiere töten und zu Steaks verarbeiten, schuften unter Bedingungen, unter denen kein Deutscher arbeiten würde. Es ist moralisch inakzeptabel, aber rechtlich war es okay. Es sind übrigens meistens EU-Bürger wie wir, nur eben nicht ganz, sie kommen aus Rumänien und anderen südosteuropäischen Ländern. Da scheint es nicht so schlimm zu sein, dass sie viel weniger verdienen, länger und härter arbeiten als deutsche Kollegen, damit das Fleisch auf unserem Grill ein, zwei Euro günstiger ist. Das alles wussten wir, schon lange vor dem Corona-Ausbruch bei Tönnies. Das haben wir verdrängt, ausgeblendet, auf alle Fälle aber hingenommen. Es ist uns offenbar vollkommen wurscht. Wir haben selber die Wahl: Kaufen wir das Billigzeug oder lassen wir´s? Wir ändern es nicht. Das wissen die meisten Leute, die diesen Text lesen werden. Sie haben es in den vergangenen Wochen sicher schon einige Male gelesen. Tönnies ist bei Schalke zurückgetreten, geschlachtet wird dort wieder.

Schöne Biergärten gibt es nicht nur in Bayern: Die Burg Ravensberg am Teutoburger Wald. Mit Abstand.

Zu den ganz großen Verlierern der Corona-Zeit gehören Freiberufler (wie ich) und Künstler. Ihnen sind viele Aufträge weggebrochen: Sie konnten und wollten, aber durften nicht arbeiten. Das hat viele Existenzen bedroht und zum Teil zerstört. Künstler und Freiberufler sind nicht systemrelevant und haben keine Lobby. Viele mussten Hartz IV beantragen, wobei ihnen auch alle möglichen Steine in den Weg gelegt wurden oder sie halten sich bis jetzt mit den Jobs über Wasser, die sie noch kriegen in diesen Zeiten. Nach allem, was ich höre, sind viele dieser Menschen, Musiker, Sänger, Schauspieler und andere Künstler inzwischen politikverdrossen. Wer kann es ihnen verdenken? Zugesagte Hilfen kamen nicht an. Neben den Kindern wurden sie am meisten vergessen.  

Einige von ihnen, nicht alle, haben ihrem Ärger zusammen mit vielen anderen sehr unterschiedlichen Menschen bei sogenannten Corona-Demos Luft gemacht.  Wie gesagt, den Frust kann ich verstehen und es wird in Medien viel zu wenig über diese Verlierer der Krise gesprochen. Über diese Demos wurde dagegen viel geschrieben, sehr viel. Man bekam bei der Lektüre den Eindruck, dass sich in Berlin, Stuttgart und sonst wo alle Spinner dieser Bundesrepublik vereinigt haben. Ultra-Rechte, Ultra-Linke Echsenmenschen, Hippies, Scheibenweltler, vegane Köche und und und. An diesen Menschen wurden pauschal wenig gute Haare gelassen, was ich nicht mag, weil es zu einfach ist. All diese Leute haben aus unterschiedlichen Motiven teilgenommen, Künstler und Freiberufler sind etwa wegen des quasi Berufsverbots gegen sich mitmarschiert. Das ist ein sehr guter Grund.

Einig waren sich dagegen die große Mehrheit die Teilnehmer bei der Maskenpflicht. Die halten sie für überflüssig und sogar gefährlich. Ich habe mit einem Bekannten darüber gesprochen und mir – um Geduld bemüht – seine Argumente angehört. Sie konnten mich nicht überzeugen. Was spricht dagegen, bei einem dreißig Minuten Einkauf im Supermarkt eine Maske zu tragen? Oder in den fünf Minuten beim Bäcker oder bei den zwei Minuten am EC-Automaten? Mich hat nicht ein Argument überzeugt. Am schlimmsten sind die, die ihre Grundrechte durch die Masken in Gefahr sehen. Da ist bei mir Schluss. Diese Masken helfen, ob zu zehn, zwanzig, sechzig oder hundert Prozent. Und wenn sich durch die Dinger weniger Leute anstecken und sich die Krankheit dadurch weniger ausbreitet, dann nehme ich die Freiheitsberaubung oder den Einschnitt in die Grundrechte hin – das geht klar für mich. Ich möchte, dass meine Kinder bald wieder frei mit ihren Freunden spielen können, dass die Klassen wieder komplett sind und nicht halbiert werden. Darum trage ich die Maske.

Ich möchte allen Leuten sagen, die finanziell und gesellschaftlich an dieser Krise besonders zu knabbern haben: Auch wenn ihr selbst wenig Solidarität erfahrt – bleibt bitte solidarisch. Tragt diese Masken! Das zahlt sich am Ende für alle aus. Und marschiert nicht aus Trotz neben Leuten auf Demos, um die ihr zu normalen Zeiten zurecht einen großen Bogen machen würdet.

Der Kurpark von Bad Rothenfelde: 10,000 Stunden Erinnerungen.

Seit Mai jogge ich wieder regelmäßig. Durchschnittlich etwa 80 Kilometer im Monat, das ist ganz in Ordnung. Es gibt drei unterschiedliche Laufstrecken, deren Länge man variieren kann. Sie sind abwechslungsreich. Jede hat ein kleines Waldstück und führt über Felder und Äcker. Und auf jeder dieser Strecken sehe ich regelmäßig Turmfalken. Manchmal einsam über einem frischgemähten Getreidefeld rütteln, manchmal über der Talsenke zwischen einem Wäldchen und der letzten Häuserreihe einer Siedlung. Neulich flogen zwei Falken über den Wiesen am Rande des kleinen Flugplatzes hier in Herzogenaurach. Sie schienen mich fast zu begleiten. Ich glaube, es war ein Weibchen mit einem Jungvogel. Die Mutter zeigte dem Nachwuchs, wie man sich im Wind auf einer Stelle hält, dabei rüttelnd den Boden unter sich im Auge behält und nach Mäusen späht. Mir ist aufgefallen, dass die Laufrunden, bei denen ich einen Turmfalken sehe, immer besonders gut waren. Vielleicht habe ich mir das aber auch nur eingebildet.   

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: