Corona, QR-Code und Kreta

Wir haben lange überlegt und uns dann ganz schnell entschieden. Ein Jahr ohne Kreta, das geht einfach nicht.

24.08. Ich sitze auf dem Balkon und schaue über den Golf von Kissamos. Das Meer ist dunkelblau und rauscht träge vor sich hin. Gegenüber auf der anderen Seite des Golfs, erstrahlen die kahlen Hänge der Halbinsel Rodopou in der Abendsonne in rotgoldenen Tönen. Auch der kleine Fährhafen Kavonissi dümpelt schon im Schatten. Die Ausflugsboote nach Balos, dem Piratenstrand, stehen verlassen am Kai. Morgen Vormittag ab halb zehn herrscht hier wieder Trubel, eine gute Stunde lang.

Seit einer Woche sind wir jetzt auf Kreta. Was haben wir uns den Kopf zerbrochen. Machen wir´s oder canceln wir unseren Urlaub wegen Corona? Dann hatten wir uns entscheiden. Noch nie waren wir so aufgeregt. In den letzten Tagen vor dem Abflug waren die Zahlen der Neuinfektionen in Deutschland wieder besorgniserregend gestiegen. Meine Frau und ich rechneten damit, die Reise noch im letzten Moment absagen zu müssen.

Der Flug ging um drei Uhr nachts von Nürnberg. Das bedeute nur eine halbe Stunde Anfahrt. Außer unserem Sohn hatte niemand vorher schlafen wollen. Unsere Tochter konnte oder wollte nicht. Sie hatte sich mit allem gewehrt, um dann kurz vorm Aufbruch doch noch auf dem Sofa wegzunicken, natürlich. Meine Frau und ich hatten es gar nicht erst versucht. Am Flughafen war es fast gespenstisch ruhig. Unser Flug war der einzige in der Nacht. Riesige, leere Hallen, ein einsamer Sicherheitsmensch in einer gelben Weste stand an einer Ecke herum, draußen bremste ein spätes Taxi.

Wir fanden unseren Schalter, irgendwas mit der Nummer dreißig. Was ich mich noch immer frage: Warum man in Corona-Zeiten den einzigen Flug in der letzten Ecke des Flughafens abfertigt? Es war eng und muffig. Die besser belüfteten Check-In-Schalter in der großen, weiträumigen Abflughalle lagen brach. Bei uns war es für meinen Geschmack etwas zu kuschelig. Natürlich führten Absperrbänder die Passagiere des einzigen Fluges im Zickzack zum Schalter. Warum ist das eigentlich so? Erwachsene Menschen werden dazu gezwungen, einen geraden Weg, den sie normalerweise mit ein paar Schritten zurücklegen würden, durch einen künstlichen Hindernisparcours unnötig zu verlängern. Eine Antwort fand ich auch in dieser Nacht nicht.

Vorne am Schalter gab es Probleme. Ein Mann mit Glatze wollte seinen Hund und ein riesiges Paket aufgeben, was offenbar nicht so ohne weiteres möglich war. Die Frau am Schalter telefonierte.

Egal. Immerhin trugen alle Mitflieger Masken. Letztlich lief auch alles glatt. Auch Hund und Paket durften mit an Bord. Der Flieger hob überpünktlich ab. Er war voll, so wie wir von unserem Platz aus sehen konnten. Auch hier alle Nasen und Münder hinter Masken. Meine größte Befürchtung war gewesen, dass sich im Flieger irgendjemand weigern würde, so ein Ding zu tragen und wir deshalb nicht starten konnten.

Es ist aber zugegeben nicht so leicht, die Masken über die gesamte Flugzeit, immerhin drei Stunden, im Sinne des Erfinders zu tragen. Irgendwann lüftete jeder mindestens einmal die Nase, den Mund oder fummelte sich im Gesicht herum. Menschlich, aber trotzdem nicht gut. Zum Glück schliefen unsere Kinder noch vor dem Start ein und wachten erst pünktlich zur Landung auf. Die war so, wie man es haben will: Unspektakulär wie der ganze Flug. Es gibt übrigens immer noch Leute, die klatschen.

Kreta hat zwei Flughäfen. Einen kleinen bei Chania, im Westen der Insel und den großen International Airport in Heraklion, der Inselhauptstadt. Nach Chania ging von uns aus leider kein Flug, das hätte uns rund zwei Stunden Fahrtzeit zu unserer ersten Unterkunft erspart. Ich fand das nicht schlimm. Für mich gibt es keine schönere Landeankunft als die in Heraklion. Das Flugzeug nähert sich der Insel von Norden, um dann im letzten Teil des Anflugs eine scharfe Rechtskurve zu fliegen. Es geht entlang der Küste, links Berge, rechts das blaue Meer. Wenn ich aus dem Flieger steige, schaue ich immer zuerst Richtung Meer. Das liegt vielleicht zweihundert Meter von der Landebahn entfernt und glitzert am Morgen in herrlichen Blautönen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kreter den Flughafen heute noch einmal an dieser Stelle bauen würden, nur gut fünf Kilometer vom Kern der Hauptstadt entfernt, in bester Strandlage.

Meine schönste Erinnerung an eine Landung auf Kreta ist über zwanzig Jahre alt. Damals flog ich spontan mit meiner Mutter. Nach der Landung wies ein Mann dem Flieger die richtige Position. Er trug aber nicht wie in Deutschland üblich einen Helm, Ohrenschützer, feuerfeste Hose, Sicherheitsstiefel und Schutzweste, sondern ein helles Poloshirt und eine schwarze Stoffhose. Dazu wies er dem Piloten nicht mit einer Kelle den Weg, sondern schwenkte ein gelbes Stück Stoff, das wie ein Lappen aussah. Als wir kurze Zeit später samt Gepäck aus dem Flughafengebäude in die warme Sonne traten, bot sich uns ein wunderbares Schauspiel. Etwa zwanzig Busfahrer hatten einen Kreis gebildet und kickten sich einen alten, fransigen Lederball zu. In aller Ruhe und durchaus ambitioniert. Die meisten trugen hellblaue Hemden und dunkelblaue Hosen, auf denen Abdrücke des staubigen Balls zu sehen waren. Von den Fluggästen, die ihnen dabei zusahen und von denen nicht wenig ungeduldig warteten, dass ihnen jemand sagt, in welchen verdammten Bus sie steigen sollen, nahmen sie keine Notiz. Meine Mutter beobachtete die Männer, zündete sich eine Fluppe an und hatte großen Spaß. Besser kann ein Urlaub nicht starten.

Der Flughafen von Heraklion ist nach Kretas berühmtesten Sohn benannt, nach dem Schriftsteller Nikos Katzantzakis. Interessanterweise hat dessen berühmteste Figur, Alexis Sorbas, im gleichnamigen Roman gesagt, es gebe nur einen wirklichen Weg nach Kreta zu kommen und das sei der per Schiff, wenn man mit der Morgensonne in den Hafen von Heraklion einfährt. Das muss ich irgendwann einmal ausprobieren.

Noch nichts los. Der Busbahmhof von Heraklion am Morgen.

Wenige Stunden vor Reiseantritt hatten wir den berüchtigten QR-Code zugemailt bekommen. Wer den bei der Anreise nicht vorzeigen kann, muss mehrere Hundert Euro Strafe zahlen, da kennen die Griechen keine Freunde. Darüber hinaus sagt der Code angeblich aus, wer sich sofort vor Ort einem Corona-Test unterziehen muss. Das hat offenbar mit der Anfangszahl des Codes zu tun und wird bei der Einreise durch die strengen Augen der Sicherheitsbeamten festgestellt.

Nach welchen Kriterien die Anfangszahlen der Codes vergeben werden, ist das Geheimnis der griechischen Regierung. Vor der Reise hatten wir gehört, dass angeblich diejenigen nicht getestet werden, deren Code mit einer „Eins“ beginnt. Unser hatte vorne eine „Vier“. Mit etwas mulmigen Gefühl betraten wir die Flughafengebäude. Dort stand eine Reihe uniformierter Menschen mit ernsten Gesichtern und erwartete die Passagiere.

Also, dann los. Vor uns stand eine Frau mit Maske, das schwarze Haar in einem Pferdeschwanz gebändigt. Ein kurzer, ernster Blick auf den Code und sie winkte uns durch. Geschafft. Die „Vier“ schien also ebenso harmlos zu sein wie die „Eins“. Jetzt nur noch das Gepäck.

Wenn man etwas häufiger gemacht hat, ist man ja immer etwas im Vorteil. Gerade, wenn es Besonderheiten gibt. Der Flughafen Nikos Katzantzakis in Heraklion ist da keine Ausnahme. Wenn man zum Gepäckband geht, sucht man automatisch nach Gepäckwagen. Diese scheint es aber nicht zu geben, denkt man. Das stimmt aber nicht. Die Trolleys stehen, warum auch immer, in einem dunklen, schmalen Gang, der im hinteren Teil des zweiten Raumes mit den Gepäckbändern versteckt ist. Dieser Raum ist immer leer. Mir scheint, hier ist noch nie auch nur ein einziger Koffer angekommen. Ich aber kenne dieses Versteck, obwohl nicht ein einziges Schild seine Existenz verrät.

Jedenfalls ließ ich meine Familie routiniert am Gepäckband stehen, schlenderte an den übrigen Passagieren vorbei in den zweiten, riesigen und wie immer leeren Raum. Hinter einem Counter stand ein einsamer Flughafenangestellter. Ich grüßte. Er sagte nichts und blickte mir nach, wie ich zielsicher den geheimen Gepäckwagen-Gang ansteuerte. „Verdammt, woher weiß er davon?“ schien er zu denken. Ich kam mit einem Trolley wiederheraus, winkte ihm zu und ging zurück in Raum Eins.

Hier empfingen mich mehrere aufgerissene Augenpaare und starrten auf den Gepäckwagen als sei dieser ein Esel. Einige eilten sofort in den Raum, andere fragten, wo ich das Ding gefunden hätte. Ich lächelte und zeigte den Weg. Ich kann es nicht zu leugnen, mir gefällt das jedes Mal aufs Neue.

Unsere Glückssträhne hielt an: Innerhalb von zehn Minuten hatten wir unsere vier Reisetaschen sowie den Sonnenschirm. Wie ein erfahrener Seebär steuerte ich den etwas schwergängigen Wagen durch die Ankunftshalle. Hier endete dann unsere Strähne. Meine Frau bekam einen Anruf. Ein Mitarbeiter der Leihwagenfirma teilte mit großem Bedauern mit, dass er irrtümlich am falschen Flughafen (nämlich Chania) auf uns gewartet habe. Er werde in einer Stunde da sein. Wir mussten also am Flughafen warten.

Seltsamerweise störte uns das überhaupt nicht. Wir suchten uns ein Plätzchen draußen am Flughafen. Ich besorgte Kaffee. Die Kinder durften mit ihren Pads spielen. Der Kaffee war wunderbar. Meine Frau beobachtete die Leute und las. Ich ging ein bisschen umher. Direkt gegenüber vom Flughafen befindet sich der Busbahnhof. Dazwischen haben die Reiseveranstalter dieser Welt eine Mauer aus Infoständen errichtet, an der sie ihre Kreta-Urlauber empfangen. Ich ging zwischen zwei noch unbesetzten Ständen hindurch und stand auf dem Platz. Morgens um halb acht war er noch leer, keine Busse. Vor einem der Infostände döste ein einsamer Hund im Schatten. Sein Besitzer saß auf einem Plastikstuhl und trank Frappé aus einem Plastikbecher. Ich nickte ihm zu und kehrte dann zu meiner Familie zurück. Sah sie mir alle drei genau an, wie sie müde, aber vergnügt in der Sonne saßen. Wir hatten es geschafft, wir waren auf Kreta.

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

2 Kommentare zu „Corona, QR-Code und Kreta

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