Bartgeier und Pick-ups

Urlaub in Corona-Zeiten ist anders. Auch auf Kreta. Wir meiden große Menschenmassen und (fast alle) Hotspots. Dafür erkunden wir fremde Pfade und erfinden neue Spiele.

Kissamos ist ein Städtchen ganz im Westen von Kreta. Es ist nicht unbedingt ein Ort, den man gesehen haben muss. Hier gibt keine besonderen Sehenswürdigkeiten, hier ist nichts fancy. Man fährt an Kissamos vorbei, wenn man zu den schönen und berühmten Stränden der Insel im Westen und Südwesten will. Was für Kissamos spricht, ist genau das: Wegen fehlender Highlights hält sich der Tourismus in Grenzen. Es gibt zwar eine kleine Ausgehmeile, aber im Grunde ist die Stadt recht ursprünglich. Das war nicht zuletzt ein Faktor für uns, auf dieser Reise hier unser erstes Quartier aufzuschlagen. Es gibt nette Tavernen, der Golf von Kissamos zwischen den beiden Landzungen Rodopou und Gramvousa ist eine Augenweide. Außerdem ist es ein guter Ausgangspunkt für Tagesstrips.

Ein tolles Ziel ist zum Beispiel Chania, die ehemalige Hauptstadt. Für die meisten Kreta-Urlauber ist sie die schönste Stadt der Insel. Das liegt vor allem am Venezianischen Hafen und den engen Gassen der Altstadt. Aber in Corona-Zeiten ist Chania nicht unbedingt der Ort, den verantwortungsvolle Eltern mit ihren Kindern aufsuchen. Wir haben uns das trotzdem angesehen. Das erzähle ich in einem der nächsten Beiträge ausführlich.

Unter Geiern

Seit einigen Jahren haben wir das Wandern für uns entdeckt. Die Kinder nölen zwar, wenn es heißt: „Heute wandern wir“. Wenn wir das aber in eine gute Geschichte verpacken – mit Aussicht auf ein Abenteuer – haben wir sie. Und wenn wir dann noch den richtigen Proviant für ein Picknick einpacken – für unsere Tochter sind das vor allem Kekse – dann kann es losgehen.

Der Eingang der Deliana-Schlucht

Meine Frau hatte die Deliana-Schlucht für uns als erste Wanderung ausgesucht. Die Schlucht liegt eine gute halbe Stunde von unserem Hotel entfernt, ist nicht zu lang (Hin- und Rückweg insgesamt zwei Stunden) und nicht zu schwer. Nachdem wir den letzten Kilometer auf einer ziemlich abenteuerlichen Schotterpiste zurückgelegt hatten, parkten wir den Wageno unter einer knorrigen Kiefer. Wir hatten den Parkplatz fast für uns allein. Nur ein anderes Auto stand da, ebenfalls im Schatten eines Baumes. Die erste Überraschung brachte das Schild am Eingangstor: Das besagte nämlich, dass offenbar Geier in der Schlucht leben. Mit ein bisschen Glück könne man sie sehen, wenn sie ihre majestätischen Kreise über die Hunderte meterhohen Felswänden zögen, hieß es. Die ohnehin gute Stimmung sprang in Euphorie um. „Papa, hier gib´s Geier“, jauchzte unser Sohn begeistert. „Super, wir halten die Augen offen“, versprach ich. Ein paar Schritte weiter kam uns ein älteres Paar entgegen. Ihr Schuhwerk machte sie sofort auf passionierte Wandersleute aus. Offenbar hatten sie unsere Unterhaltung mitbekommen, denn sie sprachen uns auf Deutsch an. Sie erzählten ungefragt und äußerst nett, dass die Wanderung nicht allzu schwer sei, dass nur hier und da Obacht geboten wäre, weil die Bodendecke oberhalb des Bachlaufes, der durch die Schlucht führt, an einigen Stellen abgebrochen sei. Wir bedanktem uns und fragten, ob sie Geier gesehen hätten. Nein, aber gehört hätten sie sie, antwortete die Frau. Immerhin. Wir bedankten uns und gingen weiter.

Die Deliana-Schlucht. Ihre Felswände sind hunderte Meter hoch.

Wer im Hochsommer nach Kreta kommt, denkt sich wahrscheinlich: „Was für eine öde und trockene Landschaft.“ Auf den ersten Blick mag das stimmen, wenn man die vielen kahlen Hänge sieht. Allerdings gibt es grüne Oasen auf der Insel und nicht wenige. Kreta ist sehr wasserreich. Gerade im Westen, in den Lefka Ori, den „Weißen Bergen“, fällt in Herbst und Winter viel Regen. Einige der griechischen Mineralwässer kommen von hier. Die Niederschläge sammeln sich und fließen durch die Schluchten bis zum Meer. Darum haben die Schluchten eine üppige Flora, mit bunten Blumen, Büschen und Bäumen.

Die Deliana-Schlucht macht da keine Ausnahme. Der erste Teil führte uns an einem Flussbett entlang. Wir gingen im Schatten meterhoher Bäume, meist Aleppokiefern, Pinien und Steineichen. Und dann sehen wir sie zum ersten Mal: Hoch über uns, scheinbar direkt über den Gipfeln der Felswände, kreisten riesige Vögel: Geier.

Unsere ganze Familie hat inzwischen ein Faible für Greifvögel entwickelt. Mein Sohn und ich streiten uns darum, wer der größte Fan oder Experte ist. „Papa, das sind Bartgeier“, sagte mein Sohn sofort. „Die Flügel und der Kopf sind gelb, das habe ich genau gesehen!“ Auch mir war die helle Unterseite der Vögel aufgefallen. Ich war aber skeptisch. Bartgeier sind mit einer Flügelspannweite von zwei Meter achtzig nicht nur die größten Greifvögel Europas, sondern auch äußerst selten. Sie wurden auf Kreta und im Alpenraum fast ausgerottet, weil man ihnen zu Unrecht vorwarf, Lämmer zu jagen. Aber wie alle Geier ernähren sie sich ausschließlich von Aas und sind darum nützlich.

Death is everywhere: Diese Knochen fanden wir auf dem Weg

„Ich glaube, das sind Gänsegeier“, sagte ich darum zu meinem Sohn. Der Laie kennt diese Vögel vielleicht aus dem Dschungelbuch. Sie retten Mogli aus Shirkans Klauen. Auch Gänsegeier haben eine helle Unterseite. Ihr Markenzeichen ist der lange, nackte Hals. Sie sind nur etwas kleiner, aber vor allem nicht so verpönt wie Bartgeier und darum häufiger zu sehen. Häufiger heißt aber nicht häufig, denn auch Gänsegeier mögen die Abgeschiedenheit hoher Berge.

Mein Sohn ließ sich durch meinen Einwand wie erwartet nicht beeindrucken. Er beharrte auf Bartgeiern. Googeln konnten wir nicht, weil wir in der steilen Schlucht kein Netz hatten. Also weiter. Es war atemberaubend. Je höher die Steilwände wuchsen, desto kleiner kamen wir uns vor. Die Sonne verschwand schon hinter den Rändern der Felsen. Dazu waren wir vier ganz allein in dieser Wildnis. Schön und ein kleines bisschen unheimlich. Unterhalb einer besonders steilen Felswand befand sich ein Schrein. Ein junger Bergsteiger, ein Franzose, war Anfang der 2000er Jahre hier in den Tod gestürzt. Hinter einem Glasrahmen war sein Bild zu sehen. Er wäre jetzt in meinem Alter.

Einige Minuten später fanden wir die Überreste einer toten Ziege. Sie war bis auf die Knochen abgenagt. Der Schädel mit den Hörner beeindruckte die Kinder besonders. Schließlich machten wir an einem Rastplatz, an dem das Wasser emsig und fröhlich aus dem Stein plätscherte, unser Picknick. Wir saßen im Schatten. Trotz der Hitze roch es nach frischen Kräutern und Blumen. Am Ende des Platzes befand sich eine verlassene Taverne. Sie war offenbar vor ein paar Jahren aufgegeben worden.

Natürlich hielten wir weiter Ausschau nach Geiern, während wir unsere mitgebrachten Gurken- und Käse-Schinken-Sandwiches verspeisten. Meine Frau versuchte es noch einmal mit Google. Wir hatten wieder Netz. Sie suchte nach „Deliana-Schlucht“ und „Geiern“ und – siehe da – mein Sohn hatte Recht. Rings um die Schlucht gibt es etwa zwanzig Bartgeier, stand in dem Artikel. Naturschützer kümmern sich demnach um die Kolonie der seltenen Vögel. Das erklärt auch den Ziegen-Kadaver in der Schlucht. Die Geier wurden damit gefüttert.

Wildnis wie bei Karl May

Auf Kreta sterben nicht genug Wildtiere, um Geier zu ernähren werden tote Nutztiere nicht verbrannt, sondern der Natur zurückgegeben. Das haben wir einmal von einer Frau erfahren, die eine Pension für alte und ausgesetzte Esel leitet, im Süden der Insel. Auch sie bringt tote Tiere in ein abgelegene Berge, wo die Kader von Vögeln gefressen werden.

Mit dem neuen Wissen war der Rückweg ein besonderes Erlebnis. Mein Sohn und ich schauten immer wieder zum Himmel. Einmal sahen wir sieben Geier auf einmal. Offenbar hatten sie ihre Horste direkt an den Kanten der Steilwände. Ich versuchte, die Vögel zu filmen und zu fotografieren. Das klappte aber nicht. Gerne wäre ich länger geblieben, wenn die Schatten in der Einsamkeit nicht immer länger geworden wären.

Nach der Wanderung hier einkehren: Gute, einfache Küche

Beseelt und voller Eindrücke stiegen wir ins Auto und machten uns auf die Suche nach einem Lokal fürs Abendseen. Unser Reiseführer pries eine Taverne im Nachbarörtchen der Schlucht an. Wir fanden sie sofort. Kurz darauf saßen wir im Garten der Taverne unter einem Baum. Seine riesigen, grünen Blätter schützten uns vor der immer noch kräftigen Abendsonne. Das Essen wurde aus frischen Zutaten zubereitet. Aus dem eigenen Garten, wie uns der Wirt verriet. Alles war gut und lecker, Highlights waren aber der Salat mit Bergkräutern und die gefüllten Zucchiniblüten. Dazu gab es Charma, ein kretisches Bier, das es nur gezapft in ausgewählten Tavernen gibt. Wunderbar. Zwischendurch verschwand der Wirt und sein Vater übernahm den Service. Ein hagerer Mann mit langem, schütterem Silberhaar, der aussah, als habe er die ganze Welt gesehen und als ob er selber nicht wüsste, wie ihn der Strom des Lebens in dieses kleine Bergdorf gespült hätte. Satt, erfüllt und glücklich fuhren wir in der Abenddämmerung zurück in unsere Herberge.

Pick-ups zählen

„Mama, Papa und ich haben 119 Pick-ups gezählt“, rief mein Sohn aufgeregt. Wir kamen gerade vom Bäcker zurück. Dort hatten wir das Frühstück besorgt, das aus einem ofenwarmen Brot, Croissants, Sesamkringeln und Spinattaschen bestand. Von unserem Hotel bis zur Bäckerei, die an der Hauptstraße liegt, am östlichen Ende von Kissamos, sind es vielleicht fünf, sechs Kilometer. Hin und zurück also etwa zwölf. Auf jedem Kilometer sahen wir durchschnittlich also zwölf Pick-ups, das ist beachtlich.

Wie im Wilden Westen: Die Kreter lieben ihre Pick-ups

Man muss wissen, dass es auf Kreta eine Menge Pick-ups ist. Anders als in deutschen Städten, wo diese Geländewagen mit Ladefläche einfach nur unpraktisches Statussymbol darstellen, nutzen die Kreter die Autos ihrer Bestimmung entsprechend: Sie transportieren Dinge von A nach B. Das kann alles sein: Obst und Gemüse natürlich, aber auch riesige Tonkrüge, deren Sinn und Zweck sich uns bis jetzt noch nicht recht erschlossen hat, die man aber recht häufig sieht oder ganze Wohnzimmereinrichtungen, mit abenteuerlich gestapelten Möbeln, die Ernte eines ganzen Ackers, die zu allen Seiten meterweit übersteht oder ganz einfach einen Schäferhund, der seine Ohren und Lefzen in den Fahrtwind hält.

Passt viel rein: Zum Beispiel Zwiebeln satt

Mein Sohn kam spontan auf die Idee, Pick-ups zu zählen. Das macht zugegeben ziemlich viel Spaß, weil es auch sehr ergiebig ist. 119 – diese stolze Zahl bedeutet bis heute den Rekord für eine Strecke. Man achtet auch viel mehr auf diese Fahrzeuge. Inzwischen habe ich meine Favoriten gefunden. Ich mag die alten Pick-ups, mit vielen Beulen und mattem Lack, denen man die vielen Kilometer ansieht, die sie in der kretischen Hitze zurückgelegt haben, die vielen steinigen Pisten mit Schlaglöchern groß wie die Wassermelonen, die sie in ihrem Pick-up-Leben auch schon transportiert haben. Meine Frau und ich sind uns einig: Sollten wir irgendwann einmal nach Kreta ziehen, werden wir genauso einen Pick-up fahren.

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

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