Alles wieder da

Ach ja! Es gibt mehre als Corona, der Herbst ist wieder und meine Tochter kann schwimmen. Wer mehr erfahren will, muss lesen...

Der Herbst ist da und Corona ist wieder da, obwohl es ja eigentlich gar nicht weg war. Es gibt aber auch gute Nachrichten.

17.10.2020 Ich kann sie alle verstehen. Die Wirte, die um ihre Existenz bangen. Die Künstler, die wieder auftreten wollen, weil sie schließlich von irgendetwas leben müssen. Die Leute, die wieder feiern wollen, die sich nach Normalität sehnen. Aber auch die Virologen, die sagen, es wird noch viel mehr Corona-Fälle geben als im Frühjahr. Und auch die Politiker, die über Maßnahmen entscheiden müssen und zwischen Gesundheit und Wirtschaftlichkeit hadern. Alle Leute haben eigene Interessen. Und darum werden Entscheidungen kritisiert oder bekommen Zustimmung. Ich reihe mich da ein. Ich hoffe inständig, dass Schulen und Kitas geöffnet bleiben. Wenn ich an die drei Monate Lockdown denke, an Homeschooling, meine genervten Kinder, an mich selbst, dann sträubt es sich in mir. Aber zum Glück ist es soweit noch nicht. Wir warten ab.

„Meister, kannst Du uns schnell noch durchlassen?“ fragt der Handwerker durch das offene Fenster seines Bullis. Der Angesprochene ist von meiner Position aus nicht zu sehen. Er befindet sich aber offensichtlich auf dem Fahrersitz eines kleinen Lasters und was für den Bullifahrer gerade entscheidend ist: Er blockiert die Einfahrt. Außerdem ist ebenfalls Handwerker Das lässt jedenfalls die Werbung an seinem LKW vermuten. Irgendwas mit „schnell“ und „Profi“ und „Fassaden“ steht drauf. Die Frage des Bulli-Fahrer wird offenbar positiv beantwortet. Der Laster setzt zurück. Ein Danke, ein Gruß und der Bulli fährt durch.

Es ist Dienstag, der 8. September, etwa zehn vor acht am Morgen. Mein Sohn und ich stehen vor seiner Grundschule und sehen dem Bulli nach, der auf das Schulgelände fährt. Die Handwerker scheinen allerhand zu tun zu haben. Eine Außenwand ist bereits komplett eingerüstet. Das Gebäude bekommt tatsächlich eine neue Fassade. Jetzt, nach Lockdown und den langen Sommerferien. Wenn ich mich richtig erinnern, war das Gerüst vor den Ferien jedenfalls noch nicht da. Auch an Handwerker auf dem Schulgelände kann ich mich nicht erinnern. Die Frage, warum man solche Arbeiten nicht einfach in die Sommerferien verlegen kann, die ja in Bayern ebenso sechs Wochen dauern wie in anderen Bundesländern auch, diese Frage stelle ich mir erst gar nicht. Auch nicht die, warum die Außenarbeiten nicht während des drei Monate erledigt wurden, in denen kein Mensch in der Schule war, sondern die Kinder zu Hause beim Homeschooling von ihren Eltern supportet wurden. Diese Frage hätte ja von einem rein pragmatischen Standpunkt aus durchaus ihre Berechtigung. Aber ich stelle sie nicht. Es wird halt gearbeitet, wenn ´s passt und nicht wenn keine Schule ist. Warum sollte das auch in Bayern anders sein als in Niedersachsen oder Berlin. Irgendwie ist das ja fast schon wieder normal, so wie vor der Corona-Zeit.

Schilderwald vor dem Schulhof: Ohne Maske geht nichts. Richtig so.

Etwas eng ist es für den armen Bulli-Fahrer schon auf dem Schulhof. Denn dort stehen Schüler, geordnet in Gruppen neben ihren Eltern und warten. Gleich sollen die Klassenlehrer kommen und die Kinder in ihre neuen Klassenräume führen. Es der erste Schultag nach den Ferien, der erste Tag meines Jungen als Drittklässler. Als wäre das nicht schon aufregend genug, ist heute der erste „normale“ Schultag nach endlosem Homeschooling und nach der Rückkehr mit halbierten Klassen. Einige Kinder haben manche Mitschüler ein halbes Jahr lang nicht gesehen. Ob die sich alle wiedererkennen mit den Masken? Ein riesiges Schild ermahnt Kinder und Eltern, das Schulgelände nur mit Maske zu betreten. Und tatsächlich tragen alle Kinder Masken. Immerhin. Normal ist das trotzdem nicht. Wir müssen ein bisschen suchen, aber dann finden wir unsere Klasse. Alle sind etwas aufgeregt und mein Sohn scheint sogar etwas schüchtern zu sein – entgegen seiner sonstigen Natur. Wer will es ihm verdenken?

Die neue Klassenlehrerin kommt und stellt sich vor. Sie macht einen sehr guten Eindruck. Ruhig und souverän. Ich begrüße sie ebenfalls mit Corona-Ellenbogen und stelle mich meinerseits als Elternsprecher vor, verkehrt ist das ja nie. Dann heißt es tschüss, mein Junge, einen schönen ersten Schultag. Der ist allerdings auch schon um 11 Uhr 15 zu Ende. Das ist hier in Bayern immer so in der ersten Schulwoche. Warum, weiß kein Mensch, ich werde mich wahrscheinlich nie drangewöhnen. Da unterscheidet sich der Freistaat dann doch von anderen Bundesländern.

Inzwischen sind sechs Wochen vergangenen. Es hat sich alles eingependelt. Unser Junge hat jetzt bis 15 Uhr Schule und ist damit den halben Tag lang mit Gleichaltrigen zusammen. Dazu hat er zweimal in der Woche Fußballtraining, plus Spiel am Wochenende. Super. Unsere Tochter ist in der Vorschulgruppe in ihrer Kita und ist wieder mit all ihren Freundinnen zusammen. Super. Also alles gut? Nein.

Mein Blick vom Schreibtisch: Die Espe – oder auch Zitterpappel. Ein toller Baum.

Während ich schreibe, sitze ich am Fenster und schaue auf die Zitterpappel im Garten. Zitterpappeln kennt man vielleicht besser mit ihrem anderen Namen, als Espen. Wir mögen den Baum sehr. Obwohl sich rings um ihn herum alles grün allmählich buntverfärbt hat, steht er noch in voller grüner Pracht da. Er hat offenbar noch keine Lust auf Herbst.

Ich schweife ab. Mein Körper hatte offenbar auch noch keine Lust auf Herbst. Denn gleich beim ersten Wetterumschwung hat es mich erwischt. Fieber, Schüttelfrost, Tropfnase. Wie Espenlaub habe ich gezittert. Inzwischen geht´s mir besser, aber die Nase ist immer noch dicht. Mich ärgert das. Ich habe viel Sport gemacht und sogar auf eine ausgewogene Ernährung geachtet. Es hat nicht geholfen. Corona, da bin ich mir sicher, ist es nicht. Meine Lunge war die ganze Zeit frei, ich hatte keinen Husten. Ich bin genervt.

Es gibt aber auch erfreuliche Dinge: Ich liebe meine neue Zahnärztin. Wer kann das schon von sich behaupten? Keine Sorge, das ist kein bizarrer Fetisch oder so? Und mit „lieben“ meine ich eigentlich auch „mögen“. Es ist ihre Art. Sie hat mir inzwischen drei neue Füllungen verpasst und dabei ziemlich gebohrt. Angenehm ist was anders. Aber sie hat sich dabei so super entspannt mit ihrer Assistentin unterhalten. Über Tierheimhunde, ihre alten Chefs, ihr neues Sofa, über eine Kollegin. Die beiden sprechen, als würden sie zusammen abwaschen oder ein defektes Teil in einer Maschine austauschen und nicht meine Zähne reparieren. Ich muss zwischendurch trotz Spritzen und Bohrern richtig lachen. Die Zahnärztin erzählt von ihrem Vater, der selbst Zahnarzt war und immer alles, sogar Kronen, ohne Betäubung hat machen lassen. Sie selbst dagegen lässt niemanden ohne Spritze an ihre Zähne, gesteht sie. Dann erzählt sie von ihrer Tochter. Die Assistentin erzählt vom Dackel ihrer Nachbarin, der verschlagen sein soll. Sie lachen und ich lache mit, obwohl ich den Mund voller fieser Geräte habe. Mitte November habe ich den nächsten Termin.

Ein perfekter Regenbogen. Auch das ist Herbst.

Und noch etwas Tolles ist passiert. Meine Tochter hat vergangene Woche völlig überraschend ihr Seepferdchen gemacht. Im Urlaub auf Kreta hatte sie auf einmal von ganz allein alle Scheu vorm Wasser abgelegt. Sie ist ohne Schwimmflügel in den Pool gesprungen. Zunächst musste ich sie auffangen, dann wollte sie allein ins Wasser hüpfen und zu mir schwimmen. Zurück in der Heimat habe ich mich sofort um Schwimmunterricht bemüht. Das war gar nicht so einfach, denn unser örtliches Bad war Corona-bedingt noch geschlossen. Schließlich fand ich eine Schwimmschule in Erlangen. Dort war es zu Beginn etwas chaotisch. Die Hygienemaßnahmen waren zunächst sehr streng. Alle sechs Teilnehmer, Kinder im Alter zwischen vier und sechs Jahren, durften nur nacheinander eintreten. Die Maske war bis zum Becken Pflicht. Wir Eltern durften die Schwimmhalle nicht betreten. Ich befürchte, dass unsere Tochter letzteres nicht mitmachen würde. Sie hat in fremden Umgebungen gerne jemanden bei sich. Dann kam der Schwimmlehrer. Ein großer, dünner Mann mit Maske mit einem starken spanischen Akzent. Er stellte sich als „Julio“ vor. Auweia, dachte ich, das war´s. Aber ich hatte sowohl meine Tochter als auch Julio unterschätzt. Obwohl er sie vorher noch nie gesehen hatte, bemerkte Julio ihre Unsicherheit. „Möchtest du das tragen?“ fragte er sie und drückte ihr ein gelbes Schwimmbrett in die Hand. Sie nickte, sah sich noch einmal nach mir um und ging hinter ihrem Schwimmtrainer her. Alle anderen Kinder trotteten hinterher.

Wie die nächsten Stunden abliefen, weiß ich nicht. Vergangene Woche ging der Kurs nach fünf Einheiten zu Ende. Vor der Stunde versammelte Julio die Kinder um sich, wir Eltern durften dabei sein. Er bedankte sich bei den Kindern für ihr Engagement und uns für unser Vertrauen. Dann sagte er zu jedem einzelnen Kind etwas. Und zum Schluss überreichte er Teilnehmerurkunden und zwei Mädchen bekamen ihr Seepferdchen verliehen, darunter meine Tochter. Ich war sprachlos. Es hat sich bestätigt, was wir schon seit einiger Zeit beobachten. Wenn sie etwas nicht kann, es aber unbedingt erreichen will, dann entwickelt das Kind einen besonderen Ehrgeiz. Jetzt kann sie schwimmen. Einfach toll.

Geschichten aus dem Sommer

Während ich so auf die Espe vor meinem Fenster schaue, die in ein paar Tagen ihre 90.000 Blätter oder so ähnlich abgeworfen haben wird, denke ich an Kreta. Ich liebe den Herbst, ich bin da geboren, aber ich vermisse die Insel. Wir waren ja jetzt schon einige auf der Insel. Meine Frau und ich sind uns einig: Unser letzter Urlaub war besonders. Vielleicht, weil wir ihn erst abgesagt haben und nach langem Ringen doch geflogen sind. Vielleicht, wegen Corona, weil die Insel leerer war als sonst. Oder weil mich sehr viele Leute nach Tipps gefragt haben. Einige waren in der Zwischenzeit auf Kreta und sind ähnlich begeistert wie wir. Andere planen ihren nächsten Urlaub dort. Freunde haben sich sogar für das kommende Jahr in dem Haus eingemietet, in dem wir selbst zehn Tage leben dürften. Das ist schön.

Der entscheidende Grund, warum der Urlaub so besonders, ist aber, dass wir viel unternommen haben. Und da ich noch einige Beobachtungen und Geschichten nicht erzählt habe, werde ich das in den kommenden Blogbeiträgen tun. Geschichten aus dem Sommer, sollen sie heißen und dem Leser bestenfalls an kalten Tagen ein bisschen Sonne ins Herz scheinen lassen. Wie eine heiße Tasse Tee oder so. Natürlich werde ich auch immer wieder über das Leben mit Corona hier in Franken berichten. Ich hoffe für uns alle, am meisten für die Kinder, dass uns ein zweiter Lockdown erspart bleibt.

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: