Jede Menge Time, aber keine Quality

Im Lockdown passiert nicht viel – höchstens im Kopf. Das muss irgendwann mal raus. Für alle Fans von Bill Murray, Tezeta und Bella Italia.

Die Pizzasauce tropft auf den Prit-Klebestift. Ganz langsam, ein bisschen wie in Zeitlupe. Sie landet auf dem Deckel, um dann, noch etwas langsamer, der Schwerkraft folgend, in zwei roten Rinnsalen auf die Tischplatte zu laufen. Das Rot des Prit-Stifts ist hell, jedenfalls heller als das Pizzasaucen-Rot. Interessant, denke ich. Nennt man diesen Farbton Zinnober? Müsste man mal googlen. Wie viele unterschiedliche Rottöne es wohl gibt, frage ich mich. „Matthias!“ Meine Frau holt mich erbost und ziemlich plötzlich zurück ins Hier und Jetzt. Mit einer Serviette nimmt sie zunächst den Klebestift und dann zwei Arbeitsblätter, sehr wahrscheinlich Deutsch und HSU, früher hieß das Sachkunde, aus der Pizzasaucen-Gefahrenzone. Wieder haben wir einen Tag Homeschooling hinter uns gebracht.

Diese Zeilen habe ich vor über zwei Wochen geschrieben. Eigentlich waren sie als Einleitung für einen anderen Blog – oder anderes Blog – wie man auch sagen kann, gedacht. Ich habe mich dann aber für einen weniger persönlichen Einstieg entschieden. Pizzasauce gehört ja nicht auf Klebestifte und ist eine ziemliche Sauerei. Thematisch ging es um Homeschooling. Vier Texte habe ich seit Januar dazu verfasst. Ich bin inzwischen in gewisser Weise ein Experte für dieses Thema. Oder vielleicht auch nur ein „sogenannter Experte“, man muss heutzutage mit sowas ja vorsichtig sein. Wie man es dreht und wendet, ob mit Pizzasauce oder ohne: Homeschooling ist kein schönes Thema. Vor allem, wenn seine Familie zu Hause ist und das verdammte Homeschooling den Tagesablauf von drei Menschen dominiert. Ich will darum auch gar nicht mehr viel darüber sprechen. Mal sehen, ob ich das hinkriege.

„Homeschooling ist ein verdammter Energiefresser. Man muss jeden Tag aufs Neue so viel Kraft aufbringen“ – dieser Satz ist verdammt wahr und könnte von mir sein, ist aber von einer mir sehr nahestehenden Person, die ebenfalls zwei Kinder im Homeschooling hat, selbst wie der Ehepartner in einem Job arbeitet, der Homeoffice unmöglich macht.

Irgendwie fühle ich keine Erleichterung mehr, wenn unser achtjähriger Sohn irgendwann am Nachmittag seinen Stift in sein Etui pfeffert und „fertig“ ruft. Seltsam, bei ihm klingt das immer erleichtert. Ich kauf ihm das auch ab. Was mach ich? Ich widme mich wieder meinen Texten, der Wäsche, dem Abwasch oder fahre einkaufen. Vielleicht sauge ich auch mal oder räume den Keller auf. Das ist genau das, was ich eh den ganzen Tag schon tue.

Dieser Lockdown, diese Homeschooling-Zeit, verändert uns Eltern. Wir stumpfen ab. Am trostlosesten sind die Wochenenden. Normalerweise haben wir uns drauf gefreut – endlich gemeinsam etwas unternehmen: Quality Time – so nennt das die moderne deutsche Familie. Von wegen! Gemeinsame Time haben wir mehr als genug, aber die Quality, die bleibt auf der Strecke. Nach über vier Wochen Lockdown sind Mütter und Väter mittlerweile froh, wenn die Kinder am Sonntag nicht mehr Zeit an der Glotze oder der Playstation verbringen als am Samstag. „Darf ich iPad?“ „Darf ich Fifa?“ Ja, aber lasst uns in Ruhe.

Nein, so schlimm ist es nicht. Sonntags wandern wir üblicherweise. Neulich war´s richtig klasse, durch Schnee und Eis einen Berg hinaufgekraxelt sind wir. Wir haben mal wieder richtig etwas gefühlt, Kälte und Anstrengung und das tat gut. Zum Schluss sind wir alle vier den Berg runtergerannt, einfach so, ohne dass irgendwer das Kommando gegeben hätte. Und am letzten Sonntag haben wir den ersten Fahrradausflug des Jahres gemacht. Ein Picknick am Waldrand mit der Sonne im Gesicht, am Ende gab es ein Eis aus der Eisdiele. Unsere hat jetzt auch Zuppa Inglese. Das ist eine Sorte mit Eierlikör. Die kenne ich sonst nur aus meinem Bad Rothenfelde, da wo ich herkomme und irgendwann wo irgendwann wieder leben werde.

Die Herzbrucker Schweiz ist bei Kaiserwetter auch kein Geheimtipp mehr. Aber trotzdem lohnt sich ein Tagestrip.

Im Vergleich zu sehr vielen andere Menschen klage ich auf sehr hohem Niveau, das weiß ich. Ich kann von zu Hause arbeiten. Aber Texte schreiben sich nicht von allein, man braucht Ruhe und Konzentration und keinen Drittklässler, der einem gerade in diesem Moment sagt, dass er sein Mathebuch nicht findet und der angetrieben werden muss, damit er sich gefälligst auf die Suche nach dem Ding macht.

Das ist nicht allein die Tatsache, dass er etwas nicht findet. Am kräfteraubendsten ist diese Haltung dabei: ‚Ich finde das Mathebuch nicht, Papa, und was machst du jetzt?‘ Ich sag´s Dir, Kind, das macht mich wahnsinnig. Es ist ein bisschen so wie: ‚Du willst, dass ich jetzt Mathe mache, dann sieh auch zu, dass ich meinen Kram zusammen habe.‘ Mit seiner Lehrerin würde er so nicht sprechen, das weiß ich. Sowieso scheint das Kind in der Schule ein anderes Wesen zu sein, das mir nicht unbekannter sein könnte als ein Marsmensch. Naja, manchmal zumindest.

Das zeigte sich bei seinem Entwicklungsgespräch neulich. Das fand natürlich online statt. Wie seine Klassenlehrerin und unser Sohn miteinander sprachen, wie er sich offenbar sehr gut selbsteinschätzen konnte – reflektiert, kritisch, aber auch selbstbewusst, das hat mich fast umgehen. Das ist doch nicht das gleiche Kind, mit dem ich fast täglich wegen irgendeinem Quatsch aneinandergerate. Welches Bild habe ich denn von meinem eigenen Sohn? Ein schiefes, um nicht zu sagen, ein falsches. In der Schule kommt er viel besser klar als ich dachte, er bekäme ein super Halbjahreszeugnis mit tollen Noten – wenn es denn eines gebe.

Ich habe mich nach dem Gespräch sowohl bei seiner Lehrerin als auch bei meinem Sohn entschuldigt. Diese Corona-Zeit versperrt den Blick auf das Wesentliche. Dinge, die gut sind, die klappen, werden ausgeblendet, die weniger guten bekommen mehr Licht als sie verdienen. Man selber wird empathielos und stumpft ab, manchmal ist man negativ, ja destruktiv.

Lords of the Boards: Skatepark Herzogenaurach. Wie geht es tut, einfach mal wieder Kinder zu sehen.

In einem Buch des großartigen Krimiautors Hakan Nesser gewinnt ein Mann viel Geld in einer Lotterie. Er kauft sich dafür eine abgelegene Hütte in einem schwedischen Wald. Er kündigt seinen Job und verbringt seine Tage alleine in der Hütte in diesem Wald. Er sitzt einfach nur auf einem Stuhl und tut nichts. Seiner Frau erzählt er nichts davon. Die kommt irgendwann zufällig dahinter, weil ein Verbrechen geschieht. Ich finde es gleichermaßen seltsam wie super. Der Mann taucht einfach für ein paar Stunden am Tag ab. Die Welt, sein Leben ist ihm gleich.

Eine Hütte in einem schwedischen Wald muss es nicht sein, aber hier bei uns in der Stadt gibt es im Norden zwischen einem Gewerbegebiet und der Umgehungsstraße ein, zwei größere Wohnblocks. Das Hellersdorf-Marzahn von Herzogenaurach. Oft fahre ich dran vorbei, wenn ich zu Rewe, Aldi-Süd oder zum Getränkemarkt fahre. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung in diesem Block, das wär´s. Ganz allein, wie der Typ bei Hakan Nesser. Wenn Lockdown, dann richtig.

Meine Wohnung hätte ein bequemes Sofa, einen riesigen Fernseher, eine Spielekonsole und einen riesigen, picke-packe vollen Kühlschrank: Getränke, Pizzabaguettes, Fertigpizzen. Fertig. Hier würde ich mich verpuppen, auf der Konsole Fifa spielen und mit dem VfL Osnabrück die Champions League gewinnen. Keine Verantwortung mehr für irgendwas, nicht mal für mich selbst. Die Leute im Wohnblock würden mich zwar grüßen, aber nicht kennen. ‚Das ist der Typ aus Stock 8, Südost-Balkon. Ein ganz ruhiger. Wohnt allein. Was der macht? Keine Ahnung.‘ Ich würde mich Möhlmann nennen, wie der frühere Kapitän von Werder Bremen. Wenn Möhlmann keine Lust mehr zum Fifa-Zocken hätte, würde er seine Lieblingsfilme gucken. Diesen einen mit Bill Murray. Darin fährt er allein mit seinem Auto durchs Land, hört schräge Musik und besucht die verflossenen Lieben seines Lebens. Dieser Musikstil nennt sich Tezeta und kommt aus Äthiopien. Mulatu Astatke heißt der Musiker, der diesen Stil geschaffen hat. Wie gesagt, schräg, melancholisch, aber auch exotisch und wunderbar.

Möhlmann könnte sich vorstellen, zu diesem Soundtrack durchs Land zu reisen. Allerdings, denkt sich Möhlmann, fuhr die Figur, die Bill Murray in „Broken Flowers“, so heißt der Film nämlich, spielte, auf der Suche nach seinen Ex-Geliebten quer durch Amerika. Möhlmann führe vor allem durch Deutschland. Vor allem Norddeutschland, denkt er. Bersenbrück, Verden, Oldenburg und Hamburg, wenn er Glück hätte. Und da würden ihn dann wahrscheinlich auch nicht Sharon Stone, Julie Delphie oder Jessica Lange die Tür öffnen (und wieder vor der Nase zuschlagen) – wie im Film, sondern ganz andere Frauen. Wahrscheinlich würden sie Kinder haben. Der Typ, den Bill Murray spielt, sucht seinen Sohn, erinnere ich mich jetzt. Der ist allerdings schon erwachsen und Bill Murray auch älter als ich oder Möhlmann. Jeder hat seine eigenen Broken Flowers und unsere, Möhlmann, lassen wir besser in Ruhe, denke ich.

Der Hit aus „Broken Flowers“ kommt von Mulatu Astatke.

Plötzlich vergesse ich das alles und denke an meine Kinder. Ich werde bleiben, Frieden mit unserer Sorte Lockdown schließen und nicht in die anonyme Zwei-Zimmer-Wohnung im Wohnblock bei Aldi-Süd ziehen.

In dieser Woche war wieder Schule, zumindest von acht bis halb zwölf, zumindest an drei von fünf Tagen. Nächste Woche sind es zwei von fünf Tagen. Immerhin. Man ist ja mit wenig zufrieden in dieser Zeit. Einige Eltern in der Schule ärgern sich über die Lehrer, weil die angeblich zu faul sind und sich „einen lauen Lenz“ machen. Es kann schon sein, dass sich ein paar Lehrer wirklich weniger Mühe geben als sonst. Mein Eindruck ist aber, dass sie Homeschooling und diese Zeit ähnlich belastend finden. Eltern, Lehrer und Schüler sitzen in einem Boot, Politik und Verwaltung schauen zu, wie es in den Wellen kippelt. Viel ist nicht passiert zwischen März 2020 und Januar 2021. Online-Programme funktionieren nicht, die Übermittlung von Lernmaterialien hakt. Das hätten die Kultusministerien besser organisieren können. Am Ende denken sich die Verantwortlichen offenbar immer: Ach, das kriegen die Eltern schon hin. Und die Lehrer auch. Das ist immer noch ziemlich erbärmlich für eines der reichsten Länder der Erde, für das Land der Dichter, Denker und Diplom-Ingenieure.

Heute war ich wieder Pizza holen. Das ist inzwischen ein Freitagsritual geworden. In seinem Ristorante, das nur vorne im Eingangsbereich geöffnet ist, begrüßte mich der Wirt. Wir gaben uns den Ellenbogen und hielten unseren Corona-Smalltalk. Rechts neben dem Tresen saß eine alte Frau. Wir nickten uns zu. Ich dachte erst, es sei die Mutter oder eine Verwandte unseres Wirtes, aber sie sprach den Akzent unserer Gegend und sah, wie ich trotz Maske feststellen konnte, auch nicht italienisch aus. Sie saß einfach da, bei dem Italiener und verbrachte ihre Zeit. Einmal nicht allein sein, sondern in Gesellschaft. Schauen, was andere machen, etwas leben, auch ohne aktiven Part, bevor das lange, einsame Wochenende ohne Besuch ansteht.

Ohne Worte

Wahrscheinlich ist es typisch Deutsch, dass ich dachte, dass das ja verboten ist, die Frau hier im Ristorante in der Corona-Zeit. Basta! Ich zahlte, gab dem Wirt zu viel Trinkgeld, steckte die Lutscher für meine Kinder ein, die es immer kommentarlos dazu gibt, nahm meine Pizzen und wünschte ein schönes Wochenende. Im Auto suchte ich in meiner Musikliste Adriano Celentanos „Azzurro“, drehte die Lautstärke und das Fenster voll auf und cruiste mit der Sonne im Gesicht nach Hause.

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

3 Kommentare zu „Jede Menge Time, aber keine Quality

  1. Musik hilft immer, Adriano Celentano ganz besonders! 😎Tanti saluti aus Bella Italia (und aus demselben Boot).
    In diesem Jahr läuft es in Sachen Schule allerdings besser bei uns in Italien als in Deutschland, muss ich sagen. Grundschulen im Präsenzunterricht, auch die Mittelschulen, falls man nicht in der Zona Rossa ist. Und falls die Klasse nicht gerade in Quarantäne ist wegen einem Kontakt. Aber in diesen Fällen läuft der Onlineunterricht DAD (Didattica a distanza), er funktioniert gut. Vor einem Jahr, als die Schulen bei uns ja fürs komplette zweite Halbjahr schlossen, wurde nach einigen Anlaufschwierigkeiten alles recht gut organisiert. Ich bin enttäuscht, von Deutschland in Sachen Fernunterricht so negativ zu lesen. Haltet durch! Forza!

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  2. Welch Wonne… am Samstagabend meinem Mann endlich deine Zeilen wieder vorlesen zu dürfen…die Betonung fällt wunderbar leicht, es ist ganz ruhig (die Kinder schlafen nämlich) und wie schwimmen mit auf deiner Corona-Homeschooling-Welle und hören am Ende natürlich eine Runde „Azzurro“… Happy Sunday!

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