Bruno und Lothar

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Es blökt. Am Abend und am Morgen und zur Mittagszeit. Ob dieses Tier eigentlich niemals Schlaf braucht, frage ich mich. Seit ein paar Wochen haben wir einen neuen Nachbarn. Ein Schaf. Ein Schaf, das man nie sieht, aber immerzu hört, weil es ununterbrochen blökt. Das Schaf soll, so haben es Kinder erzählt, im Garten einer Villa wohnen. Angeblich, so heißt es weiter, haben die Besitzer das Tier vor dem Schlachter gerettet. Jetzt steht es in ihrem Garten und blökt. Man kann diesen Garten nicht einsehen. Er ist von einer hohen, wild bewachsenen Mauer umgeben.

In diesem Garten leben auch zwei Hunde. Auch die habe ich noch nie gesehen, bis auf ihre Nasen. Die sieht man, wenn man an dem Haus vorbeigeht. Die Hunde bellen dann immer und versuchen, unter dem Tor hindurch zu schlüpfen oder zu erschnüffeln, wer da gerade vorbeiläuft. Einer der Köter hat ein hohes, etwas nervöses Bellen, wie ein Cocker-Spaniel vielleicht oder ein Dackel. Der andere klingt tiefer, ist also wahrscheinlich größer. Vielleicht ist es ein Boxer oder irgendein Jagdhund. Ich kann es halt nicht sagen. Was auffällt: Die Hunde scheinen in letzter Zeit ruhiger zu sein. Ob das mit dem Schaf zusammenhängt? Vielleicht hat das Wolltier eine beruhigende Wirkung auf die Köter.

Das ist wie im Berliner Tierpark bei den Gaur. Gaur, das sind stattliche, kräftige Wildrinder mit beeindruckenden Hörnern. Zur Herde in Berlin gehören zwei oder drei Bullen. Da ist also jede Menge Testosteron zusammen mit jede Menge Horn unterwegs im Gaur-Gehege. Damit die Burschen ruhig bleiben, hat man einfach ein paar Ziegen dazugestellt, wie mir einmal ein Tierpfleger erklärte. Über Nacht kommen die Rinder und die Ziegen in Schlafboxen. Dabei achten die Pfleger auf diese Reihenfolge: Gaur, Ziege, Gaur, Ziege – also immer eine Ziege zwischen zwei Rindern, als Puffer sozusagen. Dann herrsche, so der Pfleger, Ruhe im Stall. Die Ziegen entspannen die Stiere offenbar. Vielleicht ist das ja mit dem Schaf und den Hunden in unserer Nachbarschaft genauso. Oder das Schaf hat den Spieß umgedreht und hütet die Hunde. Immer, wenn einer zu forsch ist, gibt´s eins mit dem Huf. Ich weiß es nicht.

Kein Schaf, aber immerhin Pferde. Je älter ich werde, desto mehr kann ich Pferden abgewinnen.

Ich weiß gerade überhaupt herzlich wenig. Deutschland hat neben anderen Ländern die Impfung mit AstraZeneca aussetzt. Seit heute darf man wieder impfen damit, immerhin.

Ach, AstraZeneca… Wie Politiker und die meisten Medien mit diesem Impfstoff umgegangen sind, wundert es mich nicht, dass die Menschen sich nicht impfen lassen wollen. Erst war das Pharmaunternehmen der Buhmann, weil es der EU weniger Impfstoff als verabredet geliefert hat. Dann hieß es, der Stoff schützt Ältere nicht ausreichend vor einer Infektion. Also wurde er zunächst nur für Menschen unter 65 zugelassen. Als nach diesen Meldungen niemand – oder nur wenige Leute – den AstraZeneca Impfstoff im Körper haben wollte, schwenkten Politik und Medien auf einmal um. Moment mal, soooo schlecht ist er auch nicht. Schnell wurden Untersuchungen veröffentlicht, die ihn als sehr wirksam und „besser als gedacht“ bezeichneten. Trotzdem blieben die Leute skeptisch. Ich habe Bekannte, die sich inzwischen damit impfen lassen haben. Sie waren ein, zwei Tage krank. Fieber, Schüttelfrost, Gliederschmerzen, aber dann auch schnell wieder auf dem Damm. Blutgerinnsel hatte keiner. Wenn ich die Wahl hätte, ich würde mich sofort damit impfen lassen.

Die Infektionszahlen steigen, der Inzidenzwert von 100 wird wohl in den kommenden Tagen wieder erreicht. Diese Entwicklung war abzusehen, trotzdem sind bei uns in Bayern die Schulen wieder offen. Vorher hatten wir tageweisen Wechselunterricht. Warum sind wir nicht bei diesem Modell geblieben, frage ich mich – übrigens nicht als einziger.  Kommende Woche beginnen die Osterferien. Die Winterferien sind ja bereits ausgefallen. Diese Ferien wären eine Chance für alle – Kinder, Lehrer und Eltern – mal durchzuschnaufen, mal etwas zu erleben und wieder etwas anderes zu sehen. Zum Beispiel die Familien. Zu diesen Menschen gehören wir. Wie viele andere haben wir große Hoffnung auf die Osterferien gesetzt. Werden die jetzt wieder abgesagt? Oder, heißt es mal wieder Ferien in Balkonien und Bad Meingarten? Der Witz ist alt und mies, aber nicht so mies wie die Aussichten auf Heimaturlaub. Aus den Erfahrungen der letzten zwölf Monate würde ich sagen: Ja, sorry, Pech gehabt. Bleibt zu Hause.  

Dabei möchte ich meine Eltern wiedersehen und meine Schwiegermutter auch. Die drei sind weit über siebzig. Sie haben ihre Enkelkinder zum letzten Mal Pfingsten gesehen. Das ist Ostern dann zehn Monate her. Geimpft sind sie übrigens nicht. Meine Kinder freuen sich auf Omas und Opa. Ich möchte nicht daran denken ihnen zu sagen, wird wieder nichts mit dem Wiedersehen. Zu blöd auch, dass die drei nicht auf Mallorca leben. Da könnte man hinfliegen, das ginge. Reiseveranstalter ordern Extra-Flieger, um die Nachfrage bedienen zu können. Die Preise explodieren. Es ist Wahnsinn, mehr möchte ich dazu nicht sagen, sonst rege ich mich…

Es tut mir leid, dass ich so rummotze. Ich musste das loswerden. Wenn man die Augen aufmacht, merkt man: Es passieren auch gute Sachen, auch hier in Franken. Die Störche sind wieder da. Sie kreisen über die Stadt und balgen sich um die besten Brutplätze. Gestern saßen sieben Vögel ganz eng zusammen auf zwei Dächern. Es sah fast so aus wie eine Lagebesprechung. Vielleicht haben sie ausbaldowert, wo sie die Babys abliefern. Oder es ging ums Wetter. Heute Morgen hat es geschneit. Ob sich Störche dann auch sagen: Ach, hätte ich meinen Winterurlaub an der Cote d´Azur (oder wo sie hinfliegen) mal noch drei Wochen verlängert…

Wo sich Störche wohlfühlen, kann es ja nicht schlecht sein…

Genauso, wie es nur einen Rudi Völler gibt, gibt es auch nur einen Lothar Matthäus. Keine Sorge, es folgt kein Plädoyer für die Nachfolge von Jogi Löw. Obwohl ich die Vorstellung lustig finde: Lothar Matthäus als Bundestrainer…

Aber zum Punkt: Lothar Matthäus hat Geburtstag: Der Rekordnationalspieler wird 60. Matthäus hat im selben Verein das Fußballspielen angefangen, in dem unser Sohn und die halbe Nachbarschaft spielt. Im selben Verein, in dem ich mit anderen Vätern eine Jugendmannschaft trainiere. Der Platz, auf dem wir spielen und trainieren, heiß Lothar-Matthäus-Sportplatz. Manchmal kommt er sogar vorbei, trainiert mit dem Nachwuchs und hinterher gibt es Fotos und Autogramme in der Vereinsgaststätte.

Die Teams des Vereins haben dem Jubilar per Videobotschaft gratuliert. Jede Mannschaft hat seinen eigenen kleinen Teil gedreht, natürlich unter strenger Berücksichtigung der Hygieneregeln und mit jeder Menge Spaß. Das gesamte Video ist noch nicht fertig. Vielleicht teile ich es hier, wenn es öffentlich ist. Matthäus ist sicher nicht ganz unschuldig daran, dass er in Deutschland nie eine echte Chance als Trainer bekommen hat. Ich bedaure das, denn: Ich mag Lothar Matthäus und ausdrücklich nicht wegen seiner kultigen Englischsätze und nicht wegen seiner Boulevardgeschichten mit jungen Frauen. Er ist prollig, aber authentisch, geschwätzig, aber geraderaus und er ist einer der drei besten Fußballspieler, die dieses Land je hatte. Jetzt lebt er in Ungarn und ist mit sich im Reinen. Das ist doch was.

Neulich habe ich meine Tochter zur Kita gebracht. Es war ein kalter, windiger Tag. An einer roten Ampel überquerte eine Frau mit einem Kind an der Hand die Straße. Die beiden kamen dem Äußeren nach aus Asien. Sie kämpften sich dick eingepackt durch die eisige Witterung. Wahrscheinlich waren sie auch auf dem Weg zur Kita. Gegenüber auf der anderen Seite der Kreuzung lief eine weitere Mutter mit Kind. Im Hintergrund das riesige Betriebsgelände des größten Arbeitgebers der Stadt. Riesige Industriegebäude. Dieses Bild, der Mütter, die sich mit ihren Kindern durch die Kälte quälten, hat etwas in mir berührt. `Sie sind hier, weil sie hier gute Jobs haben, weil sie hier mehr verdienen als anderswo. Aber nicht, weil sie gerne hier sind. Ich habe sofort an Berlin gedacht, wo wir sechs Jahre lebten. In Berlin gehörst Du irgendwann dazu. Die vielen Menschen sorgen dafür. Du findest deinen Platz. Zumindest emotional gehörst du irgendwann dazu. Hier ist das nicht so. Bis jetzt zumindest. Es geht nicht nur mir so. Die Industrie, die Arbeit, ist immer da, die Menschen sind irgendwie nicht so wichtig.

Straße und jede Menge Himmel.

Es komme zum Ende und damit zurück zu den Schafen. So eine Klammer, die der Schreiber am Anfang aufmacht und am Ende wieder schließt, ist immer gut. So habe ich das auf der Journalistenschule gelernt, vor Ewigkeiten. Ich glaube, es ist wirklich nicht schlecht, mit den Schafen zu enden. Mit Schafen weiß man, was man hat. Darum schließe ich mit Bruno. Bruno war auch so ein Single-Schaf. Er war auf einmal da, als ich meinen alten Freund Lutz besuchte. Lutz´ Familie hatte einen wunderbaren alten Hof in Erpen gekauft. Erpen liegt direkt neben meinem Bad Rothenfelde. Erpen hat den größten Schützenverein im ganzen Osnabrücker Land und in Erpen scheint meistens die Sonne, weil es am Südhang des Teutoburger Waldes liegt. Aber darum soll es jetzt nicht gehen. Es geht um Bruno. Bruno war ein Schafbock und er war irgendwann da. Wer ihn aus Lutz´ großer Familie anschleppte, weiß ich nicht mehr. Bruno büxte oft aus und war ein Raufbold. Er hat mich mehrfach angebockt mit seinem Gehörn. Lutz‘ Familie brachte ihn auf einer Koppel unter. Von da aus konnte er die Pferde beobachten, die nebenan auf der großen Weide grasten. Ich mochte Bruno, obwohl er mir suspekt war. Irgendwann war er wieder weg, vielleicht war es ihm zu einsam als einziges Schaf weit und breit. Ich habe keine Ahnung, was aus ihm wurde. Ich werde Lutz fragen.  

Veröffentlicht von matthiashwitte

Vater, Journalist, Geschichtenerzähler, Sprecher, Moderator

Ein Kommentar zu “Bruno und Lothar

  1. Die Störche nisten, so sagt man, auf den Häusern, die gerade am besten geheizt werden. Und das war früher oft dann der Fall, wenn in diesem Haus gerade ein Baby geboren worden war. Daher die Erklärung, die Störche bringen die Babys in diese Häuser (es war wohl eher umgekehrt, aber egal, die Geschichte vom Storch, der die Kinder bringt, ist zu schön.😉 ) Wenn es bei euch gerade wieder schneit (bei uns in Norditalien heute übrigens auch), sitzen sie sicher eng zusammen, dort wo es am wärmsten ist. Schön, dass die Natur und die Tiere nichts von unserem Corona-Frust wissen, sogar von weniger Verkehr und Abgasen profitieren.
    Mitfühlende Grüße aus der Roten Zone Lombardei. Wir erleben gerade auch ein Déjà-Vu des Vorjahres, sogar die Geräte auf Spielplätzen sind wieder abgesperrt.

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